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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Herzlicher Empfang in Moskau und Jaroslawl.

Zu Besuch bei Partnerkliniken von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.

Ein Reisebericht von Dr.  Lothar Brückner.

Um 11.20 Uhr hob der Airbus A 313 von Germanwings ab, an Bord unter anderem eine kleine, aus acht Personen bestehende Reisegruppe von KONTAKTE-KOHTAKTbI, die vom 10. bis 17. September 2005 Moskau und Jaroslawl besuchte.

15.20 Uhr waren wir in Moskau-Vnukovo, wo wir von Prof. Karatschunski empfangen wurden. Dieser begleitete uns mit einem Transporter zum Hotel Ismailowo. Die Zimmer in dem Hotelklotz, der wohl zu den Olympischen Spielen 1980 entstand, waren sauber und bewohnbar, von kleineren Mängeln abgesehen.

Der erste Eindruck für einen Moskau-Besucher, der die Stadt seit 1991 nicht wieder gesehen hat, ist: In der Mentalität der Hotelangestellten hat sich wohl wenig verändert Bei einer solch geringen Bezahlung ist man nicht höflicher als unbedingt nötig.

Dafür sind die Veränderungen im Foyer einer solchen Wohnburg gravierend. Etabliert haben sich Souvenirgeschäfte, die an Buntheit denen in der westlichen Welt in nichts nachstehen. An Ständen werden Getränke und Snacks angeboten, kleine Cafés laden zum Verweilen ein.

Die Mehrzahl der Gäste sah asiatisch aus und kam wohl aus Japan, Südkorea oder China. Kaum zu sehen waren wie in früheren Zeiten Kasachen, Usbeken usw., die sich den Traum erfüllten, der Metropole der Revolution und ihrem Führer Lenin im Mausoleum einen Besuch abzustatten.

Verschwunden sind auf den Etagen auch die Deshurnajas, Etagenwärterinnen, die hinter Schreibtischen aus der Stalin-Ära mit respekteinflößendem mißtrauischen Blick alle Gäste registrierten und niemand wäre auch nur auf den Gedanken gekommen, ein unbefugtes Wesen in sein Zimmer einzuladen.

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und uns erfrischt hatten, war nicht mehr viel Zeit für Unternehmungen geblieben und so trafen wir uns zum Abendessen in einem Hotelrestaurant.

Zwei Stimmungsmacher spielten zur Unterhaltung, was von den anwesenden einheimischen Gästen ausgiebig genutzt wurde. Bei typisch russischer Rockmusik gruppierten sich die Gäste zum Reigentanz und man amüsierte sich köstlich.

Das Abendessen ließ nichts zu wünschen übrig und so schloss ein Tag mit den besten Eindrücken ab.

Der zweite Tag, Sonntag, der 11. September, war gewissermaßen der Einstieg bzw. Auftakt für einen interessanten, aber auch anstrengenden Aufenthalt. Heute waren Kultur und Kunst angesagt und das begann zunächst bei strömendem Regen.

Unsere erste Station war das aus meiner Moskauer Zeit sehr vertraute Schloss Kuskowa, eine ehemalige Sommerresidenz des Grafen Scheremetjew, erbaut 1769–1775. Andrej, ein sympatischer junger Mann, war unser Dolmetscher.

Schade, dass uns der Regen nicht vergönnte, uns an der Lieblichkeit des Barockparks zu erfreuen. Und so eilten wir nach der Besichtigung der Porzellanausstellung in der Orangerie, im Foyer begrüßte uns Stalin zu Pferde aus Porzellan, zum Parkausgang und fuhren weiter zum Neujungfrauen-Kloster (Nowodewitschi Monastier).

Dort erwartete uns Eberhards Bekannter, ein sehr gut deutsch sprechender Professor. Er erläuterte uns das 1524 gegründete Kloster und dessen Bedeutung im Russischen Reich. Seit 1922 ist das Kloster Museum, heute findet in der fünfkuppeligen Kathedrale der Gottesmutter von Smolensk wieder Gottesdienst statt.

Bedauerlich, dass wir nicht den Speisesaal mit seinen kostbaren Fresken und die Ikonenwand des seit 2004 zum UNESCO-Kulturerbe zählenden Klosters, eines der schönsten russisch-orthodoxen Bauwerke, bewundern konnten.

Dafür war der anschließende Besuch des Prominentenfriedhofes Geschichtsunterricht pur. Prof. Juschenko wußte zu vielen der hier Bestatteten interessante Anekdoten zu erzählen.

Der Rundgang schloss in einem nahe gelegenen Café-Pavillon, einst ein Agitpunkt der Partei, ab.

Hier konnten wir wieder „Rußland der alten Schule“ erleben. Gäste, die an einem Tisch sitzen, sind in der Regel von einem unter ihnen eingeladen worden und folglich wird eine Gesamtrechnung erstellt. Kein Ober käme auf den Gedanken, für jeden einzelnen Gast eine separate Rechnung zu schreiben. Dieser unser nachdrücklicher Wunsch versetzte den, gewiß nicht gelernten, Kellner in wahre Bedrängnis. Letztendlich aber wurden die Einzelrechnungen, die nur aus zwei Bestellungen bestanden in kollektiver Anstrengung erstellt und die Zufriedenheit Aller war wieder hergestellt.

Ein Teil unserer Gruppe begab sich nunmehr zum Jaroslawer Bahnhof, um die Fahrkarten für den morgigen Tag zu kaufen. Hier die nächste Überraschung – Fahrkarten gab es nur gegen Vorlage unserer Pässe, die wir natürlich nicht von allen hatten. Solche Regelungen sind Relikte aus jenen Zeiten, als es den Bürgern des Landes nur mit Sondergenehmigung erlaubt war, den Wohnort mehr als 50 km zu verlassen. Solche Praktiken wie die Vorlage von Pass bei Fahrkartenkauf für eine Vorortbahn sind ebenso unverständlich wie das oft tagelange Einbehalten des Passes zur Registrierung in Hotels, die mißtrauische Passkontrolle auf Flughäfen usw.

Nach dem gescheiterten Versuch des Fahrkartenkaufs zurück nach Stadtmitte, zum Roten Platz, wo uns zwei nette Dolmetscherinnen erwarteten. Der Rote Platz ist nach wie vor einer der wichtigsten Programmpunkte im Stadtrundgang für Ausländer. Das Lenin-Mausoleum stand einsam an der Kremlmauer, in früheren Jahren undenkbar ohne Ehrenwache und Menschenschlange.

An der Nikolausstraße/Ecke Roter Platz, wo sich früher die beliebten Mineralwasser- und Kwas-Automaten befanden und wo eine unterirdische öffentliche Toilette war, steht heute wieder die Kasaner Kathedrale. Dieses Kleinod der russischen Kirchenbaukunst war 1936 gesprengt worden und wurde auf Initiative der Gesellschaft zur Erhaltung von Denkmälern der Geschichte und Kultur 1998 wieder errichtet. Das gleiche Schicksal erlitt das Auferstehungstor, das heute wieder zwischen dem Staatlichen Russischen Museum und der ehemaligen Stadtduma steht.

Der Bummel durch das berühmte GUM bestätigte, dass sich hier ein Kauftempel für die reiche Oberschicht befindet. Durch die Gänge und auf den Galerien flanieren nicht mehr die Besucher aus dem weiten Sowjetland, sondern Ausländer und Neugierige, reiche Russen haben hier ihren Lieblings-Designer.

Schon die Fahrt vom Flughafen Vnukowo im Süden Moskaus zum Hotel im Nordosten machte die Veränderungen sichtbar, die sich im Stadtbild vollzogen haben.

Die in den 50er bis 70er Jahren entstandenen Neubauten, wo ganze Viertel des alten Moskaus weichen mußten, sind oft keine Plattenbauten. Sie wurden auch als Großbauten in Ziegelbauweise errichtet. Solche Wohn- und Bürobauten hat man mit Dekor versehen bzw. verkleidet. Neubauten sind eine Mischung aus Bauhaus, Art deco und Directoire.

Auch bekannte Silhouetten haben sich gewandelt – so zum Beispiel die der Uferpromenade Prechistenskaja, wo die neu errichtete Erlöserkathedrale den Platz eingenommen hat, den früher das RGW-Gebäude innehatte, ein Bau wie ein aufgeschlagenes Buch. Und erst die zentralen Straßen selbst! Jeder Moskau-Tourist kannte in der Gorkistraße, heute Twerer Straße, das sich über mehrere Etagen erstreckende Souvenirgeschäft. In dieser Straße gab es ein bekanntes Weingeschäft und Delikatessengeschäfte (Gastronom).

Von all dem nichts mehr, statt dessen Nobel-Restaurants, Kaffeehaus (so auch im russ. geschrieben) und Modeboutiquen. Die Twerer Straße wirkt am Abend wie die Reeperbahn, Moskau insgesamt wie Las Vegas und Sao Paulo; in die Vororte ist der Wind der Moderne noch nicht hingeweht, und das wird er auch nicht, solange es keinen Investor gibt, für den sich etwas zu vermarkten lohnt.

Das Fluidum dieser Großstadt mit mehr als 12 Millionen registrierten und nochmals etwa halb so vielen Einwohnern ist nach wie vor quirlig und hektisch mit ständig verstopften Straßen und stark frequentierten Fußwegen, mit einer ständigen Gestankwolke von Abgasen, aber auch Eleganz der Neureichen, die ungeniert ihren Wohlstand zur Schau stellen.

Die Kaffeehäuser sitzen voll von elegant gekleideten Karrierefrauen und von in schwarzen Nadelstreifen gekleideten Herren. War zu Sowjetzeiten der Prototyp einer Respekt einflössenden Direktorin eine weit über 100 kg Lebendgewicht schwere, mit Superbusen ausgestatte und mit gefönter Frisur versehene Brünette oder Blondine so ist es heute die schlanke und grazile Frau im eleganten Hosenanzug, mit Bleistiftabsätzen und Pagenfrisur.

Der dritte Tag, Montag, der 13. September, sah den Besuch des Republiks-Kinderkrankenhauses (RDKB) vor. Nach dem Frühstück am reichhaltigen Büffet des Großhotels ging es zunächst mit der Metro bis Jugo-Sapadnaja (Südwest) und dann per Sammeltaxi (Marschroutnoje) zum auch äußerlich imposanten Russischen Republiks-Kinderkrankenhaus.

Der Empfang war herzlich, Ärzte und Ärztinnen freuten sich besonders, Eberhard Radczuweit begrüßen zu können und mit Hilfe von Frau Dr. Westermann, die uns viel aus dem Medizinischen erläuterte und für uns alle ein echter Gewinn war, wurden wir mit den Bedingungen vor Ort vertraut gemacht.

Die Hilfe seitens unseres Vereins wurde hoch gewürdigt, es wurden uns aber auch die Probleme genannt, mit denen nicht nur die Ärzte dieses Krankenhauses zu ringen haben. Zu solchen Problemen gehören die niedrige Bezahlung der Ärzteschaft und des Krankenhauspersonals, die fehlende Prävention auf dem Gebiet Kinderkrankheiten usw.

Unsere Gruppe wurde durch die Station für Onko-Hämatologie und durch Labors geführt und besichtigt wurde ein zu einem Kirchensaal umgebauter Hörsaal. Hier bekamen wir u.a. auch einen Einblick in die nicht ganz uneigennützigen Hilfsprogramme kirchlicher Kreise im westlichen Ausland, aber auch von caritativen Gesten von Privatpersonen.

Nach diesem Besuch von etwa 4 1/2 Stunden fuhren wir zum Jaroslawer Bahnhof, lösten nun gegen Vorlage unserer Pässe die Fahrkarten und 16.30 Uhr fuhr der Zug, der sich Elektritschka nannte.

Die 1. Klasse war bequem ausgestattet, weiche Sessel machten das Reisen angenehm. In die installierten Videorecorder legte die Zugbegleiterin Kassetten mit Lustspielfilmen ein, die uns laut und vernehmlich bis Jaroslawl begleiteten. Die Landschaft war lieblich, der nahe Herbst färbte allmählich das Laub, dichte Birken- und Kiefernwälder wechselten mit abgeernteten Feldern ab. Sümpfe und kleine Seen belebten das Landschaftsbild.

17.30 Uhr fuhren wir an der imposanten Silhouette des Sergius-Klosters vorbei, hielten 19.40 Uhr in Rostow und waren pünktlich 20.45 Uhr in Jaroslawl. Unser Hotel „Medweshni Ugol“, (Bärenwinkel) lag nicht weit vom Bahnhof entfernte, es war ein kleineres Hotel und unterschied sich wohltuend gemütlich vom Hochhauskomplex Ismailowo.

Ein erster Abendbummel mit Eberhard beschloss diesen an Eindrücken reichen Tag.

Der vierte Tag, Dienstag, der 13. September, war angefüllt mit Kultur und Partnerbesuch.

Zunächst stand eine Führung durch die Altstadt, die seit Juni 2005 in der Adelsliste der UNESCO-Weltkulturerbestätten steht, auf dem Programm. Ein kompetenter Stadtbilderklärer stand zur Verfügung und so wurden uns einige der vielen Klöster und Kirchen vorgeführt.

Der Rundgang begann mit der mit schönen Friesenfliesen geschmückten Kirche zu Christi Erscheinen aus dem 17. Jahrhundert, setzte sich fort mit der Besichtigung des Christi-Verklärung-Klosters aus dem 12. Jahrhundert, das zu den bekanntesten und schönsten Klösterns der Rus gehörte. Im Klosterhof spielte uns ein junger Mann die russischen Kirchenglocken vor, ansonsten spielte er mit seinem Handy. Wir bestiegen den Turm der Kathedrale und genossen das herrliche Panorama der Stadt an der Wolga.

Nächste Station war die Prophet-Elias-Kirche mit ihrer prächtigen Ikonenwand und den kostbaren Fresken. Noch ein kurzer Abstecher zur Johannes-der-Täufer-Kirche, dazwischen lagen Teile der ehemaligen Stadtbefestigung, Iljin- und Wolkowplatz sowie der Rote Platz mit dem Lenindenkmal.

Mit Ende der Stadtführung hatte es auch aufgehört zu regnen und es ging zum zweiten Tagesordnungspunkt, zum Besuch unserer Partnerabteilung Onko-Hämatologie im Städtischen Krankenhaus. Auch hier wieder ein überaus herzlicher Empfang vom Krankenhausdirektor Dr. Kiseljow und der Chefärztin Dr. Olga Vasiljewna.

Wir besuchten die aus 30 Betten bestehende Station, informierten uns über die Arbeitsbedingungen, überreichten Spenden in Form von medizinischem Material und Spielsachen.

Eine Spende von 250 Euro wurde von unserem Vorstandmitglied Frau Ingrid Schmidt an eine junge Mutter überreicht, deren ein Jahr und zehn Monate altes Kind seit dem ersten Lebensjahr an Leukämie erkrankt ist. Es sollte eine Unterstützung für einen sozialen Notfall sein.

Anschließend lud uns die Ärzteschaft zum Mittagessen ein. Medizinisches Personal und Gäste saßen an einem festlich gedeckten Tisch, es gab Toaste und kleine Geschenke.

Den Tag beschloß der Besuch des Tolg-Klosters unweit von Jaroslawl. Eine Mutter Nonne führte uns durch das weitläufige Areal dieses fast 700 Jahre alten Klosters, das 1990 als Heimstätte für derzeit ca. 100 Nonnen wieder geweiht wurde. Wahrscheinlich hatte Petrus Gefallen an unserem Klosterbesuch, denn der Himmel strahlte im schönsten Blau.

Der fünfte Tag, Mittwoch, der 14. September, war mehr Ruhetag. Die Abfahrtszeit nach Moskau lag gegen Mittag und so war noch Zeit und Gelegenheit zu einem morgendlichen Bummel entlang des Wolgaufers.

Mit dem Stadtplan in der Hand besichtigte ich von der Dampferanlegestelle beginnend die Bauwerke entlang der Promenade. Es war wie ein Bilderbuch der Baugeschichte, Bauten in Renaissance und Barock, in Jugendstil und Bauhaus, Klassizismus und russischem Rokoko versteckt hinter einer Kulisse aus viel Grün. Vieles harrt noch der Restaurierung und Konservierung, aber der Zustand schien zumindest nicht bedenklich. Am Ufer des Wolga-Nebenflusses Kotorosl kam ich an einer Kirche vorbei, die im Kunstführer als Nikolaus-Rubleny-Kirche ausgewiesen ist und in deren Hof sich eine Kirchenglocken-Sammlung befindet.

11.10 Uhr war Abfahrtszeit unseres Zuges gen Moskau. Olga Vasiljewna und eine weitere junge Ärztin verabschiedeten uns am Zug, wir stiegen ein und wunderten uns sehr. Statt der komfortablen 2. Klasse bestanden unsere Abteile aus vier Kunststoffpritschen mit unappetitlichem Bettzeug.

Der herbeigeeilte Zugführer machte uns verständlich, dass es sich um einen Interregio handelte, der keine 1. Klasse führt und auch andere Preise hat, als ein Elektritschka, der als Vorortzug gilt. Wir gaben uns zufrieden und nachdem wir als Versöhnungsgeste jeder eine Tafel Schokolade „auf Kosten des Hauses“ überreicht bekamen, bewegten wir uns durch die liebliche Natur von Mütterchen Rußland der Metropole zu.

Am Abend besuchte ich Ilja Kremer in dessen Wohnung am Universitätski Prospekt.

Mit dem Besuch des städtischen Kinderkrankenhauses Morosowskaja wurde der sechste Tag, Donnerstag, der 15. September, eingeleitet. Der Empfang, wieder sehr herzlich, fand im Dienstzimmer von Prof. Talalajew statt. Ihm wurde pathologische Fachliteratur als Spende überreicht. Auch hier Bekanntmachen mit der Situation vor Ort – mit exzellenter Laborausstattung – Rundgang durch die nur mit 12 Betten ausgestattete Kinder-Onkologie, durch die pathologischen Sammlungen (Museum), durch Labore und andere Arbeitsbereiche.

Mittagessen war im Selbstbedienungsrestaurant Mu-Mu, anschließend Freizeit, wobei sich der größte Teil der Gruppe für einen Besuch der neuen Erlöserkathedrale an der Metrostation Krapotkinskaja entschied.

Die an dieser Stelle 1883 fertiggestellte größte Kathedrale Moskaus wurde im Dezember 1931 gesprengt, um hier einen Palast der Räte zu errichten. Es sollte ein Rundbau von 420 m Höhe werden, den eine 80 m hohe Leninstatue krönt. Als im Zuge der Bauarbeiten festgestellt werden mußte, dass die Bodenverhältnisse nicht ausreichend berücksichtigt worden waren (sumpfiges Gelände), wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Fast 35 Jahre stand die Investruine, bis sie abgetragen und an dieser Stelle ein Open-Air-Schwimmbad errichtet wurde. 1960 wurde es eingeweiht und war bald eine Weltsensation. Selbst bei strengstem Frost wurde im Freibecken bei 27 Grad gebadet.

1993 wurde das Bad geschlossen und es wurde originalgetreu die Erlöserkathedrale wiedererrichtet. Über Bau und Interieur konnte sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Am Abend gab es ein Kulturprogramm – Besuch eines Konzerts im Kleinen Saal des Konservatoriums. Ein Streicherquartett, bestehend aus sympatischen jungen Damen sowie einem Pianisten, brachte Werke von Borodin, Rachmaninow und Frank zu Gehör. Die anwesende Fan-Gemeinde überschüttete die Künstler mir viel Beifall und Blumen.

Der siebente Tag, Freitag, der 16. September, versprach etwas Besonderes zu werden, und wurde es auch. Besucht wurden unsere Partner in der „Schule der Selbstbestimmung“. Der Direktor, A. Tubelski, empfing uns, und zwei Schüler führten uns durch die Räume.

Alles zu beschreiben, was uns vorgeführt wurde, ist kaum möglich. Erläutert wurden uns Struktur und Organisation der Schule, wir besichtigten die verschiedensten Unterrichts- und Werkstatträume, Studios, Computerkabinett, Töpferwerkstatt, das Modell einer Fantasie-Stadt, Spiel- und Sportzimmer und und, und … Es gibt eine Ehrentafel für Personen, die sich um die Schule verdient gemacht haben, und einen Schulrat.

In der Aula hatte die Schülerschaft ein kurzes, aber effektvolles Programm gestaltet, bestehend aus Gesang und Tanz. Anschließend wurde Eberhard Radczuweit unter großem Beifall als Ehrenmitglied in den Schulrat aufgenonmen.

Fortgesetzt wurde unser Besuch in einem Filmvorführraum mit Begegnungen mit ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnen, mit Schülern und Lehrern. In einem Amateurfilm wurde über ein Lager berichtet, an dem Kinder aus drei Ländern teilnahmen. Auch die Aktivitäten unseres Projektmitarbeiters Jan Illig wurden gewürdigt.

Wir erfuhren über ein Projekt der Schule, das sich „Buch der Erinnerungen“ nennt und in dem Schüler die komplizierte Problematik des Unrechts gegenüber den ehemaligen NS-Zwangsarbeitern seitens der eigenen Regierung aufgreifen und bearbeiten. Vorgelesen wurde aus handschriftlichen Erinnerungen, ehemalige NS-Zwangsarbeiterinnen berichteten aus ihrer leidvollen Geschichte.

Den Abschluss bildete ein gemeinsames Beisammensein bei Tee, Kaffee, Imbiß und Kuchen, wo es zu aufschlussreichen Gesprächen kam.

Damit schloss der offizielle Teil unserer Rußlandreise ab. Den Rest des Tages gestaltete jeder individuelle

Ich fuhr zum Arbat, der Straße, die ich während meiner Moskauer Studienzeit so oft entlang gegangen war.

Hier reihte sich jetzt Stand an Stand mit Matrjoschkapuppen mit dem Konterfei nahezu aller bekannten Persönlichkeiten der Welt. Porträtmaler boten ihre Kunst feil, am Wachtangow-Theater fand ein Mickimaus-Treffen statt, wozu eine russische Rockband unter frenetischem Beifall irgendwelche Töne von sich gab. In den Seitengassen restaurierte Klösterchen und Kirchen, die einstmals Ausstellungsräume waren, in einem davon war eine ständige Meereskunde-Ausstellung zu sehen.

Der bekannte Kalinin-Prospekt heißt heute Neuer Arbat und von den ehemals weit über das Land hinaus bekannten Geschäften und Restaurants – Plattengeschäft „Melodie“, Internationales Buch, Restaurant „Waldai“ usw. – ist nichts mehr geblieben, stattdessen schreiende Reklame, an Kitsch kaum zu überbieten, von Spielklubs, Billig-Gaststätten, Modesalons usw.

Auffällig ist im gesamten Stadtgebiet von Moskau die unübersehbare Vielzahl und Vielfalt an Banken.

Der Abend schloss mit einer Gruppen-Party im Hotelrestaurant, auf der der Genuß des unverwechselbaren „Wässerchens“ nicht zu kurz kam.

Am achten Tag, Samstag, der 17. September, hieß es Abschied nehmen von Moskau mit bleibender Erinnerung an jene, die sich so viel Mühe gegeben haben, unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, und es war wohltuend zu spüren, dass die russische Seele, ungeachtet aller Neuerungen und Auswüchse, doch noch vorhanden ist und nach außen strahlt.

Am Morgen blieb noch etwas Zeit und die nutzte ich für einen Bummel auf dem neben dem Hotel befindlichen Ismailower Markt. Es gab ihn schon zu Sowjetszeiten, er war aber vorrangig ein Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Hier boten auch Bauern und Händler aus Mittelasien ihre Produkte an. Heute ist dieser Markt flächenmäßig um ein Vielfaches größer. Endlose Reihen an Marktständen kreuz und quer; etwa 80 Prozent der Händler scheinen aus den südlichen Republiken zu stammen (Aserbaidschan Usbekistan usw., die am Morgen gähnend und übernächtig aussehend nicht den Eindruck machen, dass Käufer jetzt schon erwünscht seien.

Das Angebot an Billigwaren ist schier unerschöpflich. Stand an Stand mit Textilien, Haushaltswaren, Kosmetika. Ich habe allein 83 Stände gezählt, an denen die Matrjoschkapuppen angeboten wurden! Bis zum Viktualienmarkt bin ich gar nicht vorgedrungen. Das Leben und Treiben erinnert an einen riesigen orientalischen Basar, in dem sich Menschenmassen durch die Gänge wälzen, Handarbeiter zwängen sich mit zweirädrigen Karren, beladen mit Waren schreiend durch die Menge, aus Kassettenradios ertönt ohrenbetäubende Musik im arabisch-indischen Stil.

16.25 Uhr flogen wir in Moskau-Vnukowo ab und landeten gegen 17.20 Uhr in Berlin.

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