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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von Dr. med. Boris Jermakov [1].
Ich erzähle hier die Geschichte unseres Knochenmark-Transplantations-Patienten Alexej Kuleschov. Er ist jetzt vier Jahre und 10 Monate alt. Er hatte eine akute lymphatische Leukämie. Er war erst zwei Jahre alt, als er krank wurde. Bei solch kleinen Kindern ist Leukämie besonders bösartig.
Die Tumorzellen haben einen genetischen Defekt, der als t(4’11) bezeichnet wird (weil ein Teil der Chromosome 4 und ein Teil der Chromosome 11 ihre Plätze tauschen). Wird dieser genetische Defekt in Tumorzellen gefunden, dann soll man das Kind mit einer Knochenmark-Transplantation therapieren. Leider stand die molekular-genetische Methode, mit der man diese Defekte entdeckt, zur Zeit der Erkrankung von Alexej in Rußland nicht zur Verfügung.
Der Knabe bekam eine Chemotherapie und hatte danach einen Rückfall von Leukämie. Jetzt war dieser Gendefekt entdeckt worden und man sollte Alexej das Knochenmark transplantieren. Aber obwohl der Junge aus einer großen Familie stammt (Schwestern, viele Tanten und Onkel), eignete sich niemand als Spender. Dann durchsuchte man das Internationale Knochenmark-Spenderregister und wir fanden eine Spenderin in Finnland. Aber wir mußten die Spenderuntersuchung und die Knochenmarkentnahme in Finnland mit 32 000 DM bezahlen.
Gott sei Dank gibt es KONTAKTE-KOHTAKTbI, ihr habt uns geholfen und diese Kosten übernommen. Und wir haben das Kind transplantiert.
Es hat natürlich einige Komplikationen gegeben, wie Pilz- und Cytomegalovirusinfektion, was die meisten dieser Patienten nach einer solchen Transplantation erfahren. Wir haben über diese Komplikationen gesiegt und, was wichtig ist, Alexej hat stark mit gekämpft. Es ist immer so, daß Kinder mit lebensbedrohlichen Krankheiten, die eine lang andauernde, aggressive Therapie erfahren, schneller reif werden. Alexej hat sich relativ schnell erholt und konnte schon am Tag 35 nach der Transplantation kurze Spaziergänge im Freien machen.
Ich sollte vielleicht mal kurz darüber aufklären, wie eine Knochenmark-Transplantation die Leukämie besiegen kann. Zuerst erhält das Kind eine Chemotherapie in besonders hohen Dosen, die hoffentlich alle Tumorzellen zerstören. Aber das macht auch die Knochenmark- und Blutzellen kaputt, ohne die man nicht leben kann. Deshalb wird das Knochenmark des Kindes von dem eines Spenders ersetzt. Und weil unser Immunsystem vom Knochenmark stammt, kommt mit der Transplantation ein neues Immunsystem (des Spenders), das jene restlichen Leukämiezellen als Fremdkörper bekämpft, welche die Chemotherapie überlebt haben.
Jetzt wieder zu unserem kleinen Alexej. Am Tag 30 nach der Transplantation entdeckten wir bei ihm noch einige Tumorzellen, die die hochdosierte Chemotherapie überlebt hatten (eine Tumorzelle auf eine Million normale Zellen). Deshalb machen wir jetzt alles, um die oben beschriebene Immunreaktion, die auch als „transplantat versus tumor reaktion“ bekannt ist, zu verstärken. Wir beobachten auch klinische Zeichen, daß diese Reaktion tatsächlich statt findet. Am Tag 60 ist die nächste Kontrolle vorgesehen, die hoffentlich keine restlichen Tumorzellen anzeigt.
Alexej ist heute am Tag 57 nach der Transplantation. Er fühlt sich gut, hat viel Interesse an allem, was rings um ihn herum passiert. Aber er ißt noch nicht genug und erhält deshalb einen Teil seines Ernährungsbedarfs durch die Magensonde.
Noch etwas. Natürlich hoffen wir, daß durch „transplantat versus tumor reaktion“ Alexej gesund wird. Aber wir sollten Vorsorge treffen, falls doch einige Tumorzellen diese Reaktion überleben. Nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis muß dann eine Infusion von Lymphocyten des gleichen Knochenmarkspenders erfolgen. Jetzt wissen wir nicht, ob er das überhaupt brauchen wird, aber falls doch, dann werden wir KONTAKTE-KOHTAKTbI bitten, die Spenderlymphozyten-Entnahme zu bezahlen. Das kostet natürlich viel weniger als die Knochenmark-Entnahme, einige hundert Mark.
Herzlichen Dank allen Spenderinnen und Spendern! Bisher starben alle leukämiekranken Kinder mit diesen besonders ungünstigen Prognosen bei uns. Aber jetzt hat Alexej dank der Spenden aus Deutschland eine Knochenmark-Transplantation bekommen und gute Chancen, gesund zu werden.
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Anmerkung von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.: Andrej Timakov hatte um diese Sonderleistung für eine Operation mit ungewissem Ausgang gebeten. In der Regel geben wir für einzelne Kinder keine Sonderleistungen, weil bei relativ geringem Spendenaufkommen möglichst vielen Kindern geholfen werden soll. Das bedeutet für uns, nur solche Hilfsmittel einzukaufen, die bei den häufigsten Leukämie-Erkrankungen wirken.
Aber dieses Prinzip darf nicht zum abstrakten Dogma versteinern angesichts der Möglichkeit, einem konkreten Kind möglicherweise das Leben zu retten! Andrej Timakov hatte vor dieser ersten Knochenmark-Transplantation mit Fremdspendern an seinem Zentrum für Onkologie und Hämatologie – vielleicht war es die erste Operation dieser Art in Rußland – irrsinnige Mühe aufgewandt. Zur Finanzierung klopfte er an viele Moskauer Türen. Und er hatte schließlich Erfolg: Die russische Eishockey-Nationalmannschaft gab ihren Gewinn aus einem Gastspiel in den USA! Sogar eine russische Bank erbarmte sich und trat als Mäzen auf. Deshalb brauchte KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. letztendlich nur einen Bruchteil der Kosten zu bezahlen.
[1] Dr. med. Boris Jermakov ist Leiter der Station für Knochenmark-Transplantationen im Onkologisch-hämatologischen Zentrum der Morosov-Kinderklinik in Moskau.
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