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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland.

Reisebericht von Eberhard Radczuweit, 1. Februar 2003.

Grund der Reise war die Eröffnung des neuen Kinderkrebs-Zentrums, der Abteilung für Onkologie und Hämatologie im Russischen Republiks-Kinderkrankenhaus. Mein Weggefährte war der Fotograf Herbert Bents, der schon zuvor berührende Impressionen aus unseren beiden Moskauer Partnerkliniken schuf. Doch der Reihe nach.

Am 20. Januar 2003, Montag um 4 Uhr früh an der Zollkontrolle des Moskauer Flughafens Scheremetjevo: 8650 Euro zählte die Zöllnerin nach. Das waren vom Spendenkonto 6000 Euro als Nothilfe für das Personal in unseren beiden Partnerstationen („Ärzte für Ärzte“), der Rest für medizinische Bedarfsgüter und das von uns geförderte MB-Therapieprogramm für leukämiekranke Kinder.

Wegen seiner Körperlänge war unser Sascha (Prof. Dr  med. Alexander Isaakowitsch Karatschunski) leicht in der Menschenmenge am Ausgang zu entdecken. Wer chauffierte uns in aller Herrgottsfrühe den weiten Weg in die Stadt? Natürlich wieder der dankbare Vater eines geretteten leukämiekranken Kindes. Diese Menschen würden einen auf Händen ins Quartier tragen. Diesmal waren wir Gäste unseres Mitglieds Stephan Schütz, der als Dozent für Germanistik an der Moskauer Universität lehrt. Seine Wohnung liegt ganz in der Nähe des Republiks-Kinderkrankenhauses. Nach durchwachter Nacht blieb wenig Zeit zum Ausruhen. Es zog uns ins Krankenhaus.

Die letzten beiden Moskaureisen boten dort das gleiche deprimierende Bild: Ein Rohbau, von den Decken hing ein Gewirr aus Röhren und Leitungen, das von uns eingekaufte Baumaterial lag überall herum, halbfertige Krankenzimmer und kein tätiger Bauarbeiter oder Techniker waren beide Male zu sehen. Unbefriedigende Auskünfte des Bauleiters und zuletzt der Streit mit unserem wortbrüchigen Vertragspartner Herrn Friedrich Langenbach, Chef der Schweizer Firma „Richter-Bau“.

Auf der alten Station wartete man derweil auf den Umzug in das neue Zentrum für Onkologie – Hämatologie und hatte die Hoffnung schon fast begraben. Und nun dieser Glanz der kunststoffversiegelten Wände und Böden, lichtdurchflutete Räume mit keimfreier Luft dank der aufwendigen Klima/Filteranlage, die wir in Österreich eingekauft hatten, gute Medizintechnik, von der die Ärzte und Krankenschwestern so lange geträumt hatten, schöne Aufenthaltsräume für das Personal, die Krankenzimmer bestens ausgestattet, alle Betten waren schon belegt.

Es sei das modernste und bestausgestattete Kinderkrebs-Zentrum Russlands, wurde mir später bedeutet. Ich ging durch die Räume wie durch einen Traum. Der Anblick war schier unwirklich. Später stellte sich ein warmes Glücksgefühl ein. Da hatte diese kleine KOHTAKTbI-Gemeinde im Zusammenspiel mit russischen Partnern doch was Großes bewirken können.

Blick in die neue Station des Kinderkrebszentrums

Das zweite Glück verkündete eine aufgeregte Krankenschwester, die in Saschas Büro reingestürzt war mit der Nachricht: „Die Lieferung ist da!“ Im letzten Sommer wurde vom Geld der Karl-Bröcker-Stiftung Einweg-Material und andere medizinische Hilfsgüter gekauft und verschickt, deren Auslieferung der Moskauer Zoll blockierte. 5100 Euro „Strafe“ oder „Gebühren“ mussten wir zwischendurch an diese Zollbürokraten bezahlen und unsere Hilfssendung wurde trotzdem nicht frei gegeben, ein Skandal! Weder die deutsche Botschaft in Moskau noch die russische Botschaft in Berlin hatten helfen können – und nun standen zwei klapprige, vollgepackte Lkws vor dem Krankenhaustor.

Die kostbaren Pakete wurden ausgeladen, jede Krankenschwester packte mit an. Nur ich stand wie betrunken da und muß einen dämlichen Anblick geboten haben. Glück und Zorn vermischten sich, im Stillen formulierte ich scharfe Attacken gegen die Moskauer Zollbürokratie.

Mittwoch, 22. Januar 2003.

Was hat der Geburtstag des russisch-orthodoxen Priesters Alexander Men, den man Anfang der 90er Jahre mit der Axt erschlug, mit der Eröffnung unseres Kinderkrebs-Zentrums zu tun?

Alexander Men war eine außergewöhnliche Erscheinung in seiner Kirche. Sein ökumenisches Engagement, sein mutiger Einsatz für Toleranz und Besinnung auf urchristliche Werte, die in den Dogmen seiner Kirche versteinerten, machten ihn weltweit bekannt. Das Republiks-Kinderkrankenhaus hatte er oft besucht, Trost gespendet, zusammen mit den Kindern und deren Eltern gebetet. Er hinterließ in diesem Krankenhaus eine Gemeinde, die seinen Namen trägt.

Zwei Frauen sind die Seele dieser Gemeinde, Lina Zinowjewna und Galina Chalikowa. Sie haben eine Stiftung gegründet, deren Website in Russisch, Englisch und Deutsch um Unterstützung wirbt. Das riesige Krankenhaus wäre vielleicht ohne ihre praktische Hilfe nicht existenzfähig. Die beiden Frauen waren unsere Mitkämpferinnen bei der Errichtung des Kinderkrebs-Zentrums. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft. Und nun hatten sie den Geburtstag ihres großen Vorbildes als Festtag zur Einweihung des Kinderkrebs-Zentrums bestimmt und alles organisiert.

Zur festlichen Veranstaltung waren nicht nur das Krankenhauspersonal und deren Direktor Vaganow erschienen. Im großen Saal saßen die Frau des russischen Ministerpräsidenten, irgendwelche Größen aus dem Gesundheitsministerium. Das Fernsehen und allerlei Journalisten waren da, denen ich anschließend lange Interviews geben musste. Meine Rede vor all den Leuten bot Gelegenheit, die deutschen Partnerinnen und Partner der leukämiekranken Kinder in Russland vorzustellen, unsere große Spendergemeinde.

Schon lange ärgern mich russische Journalisten mit der blöden Frage: „Warum tun sie das für die russischen Kinder?“ Denn solche Fragen implizieren die Meinung, normal wäre nur die Hilfe für eigene, also in unserem Fall für deutsche Kinder.

So stellte ich das Fremdwort „Humanismus“ vor: „Das soziale Bewusstsein ist Teil der genetischen Merkmale unserer Spezies. Wo dieses Bewusstsein gespalten wird, weil man in nationalen oder rassischen oder religiösen Grenzen denkt, ist der Mensch krank. Diese Krankheit neigt zur Selbstvernichtung. Alle vergangenen, gegenwärtigen Kriege und der jetzt drohende Krieg im Irak beweisen das!“

Ich sprach von der Utopie unseres Freundes Sascha, damals vor 12 Jahren, als er nach halbjährigem Studium am Berliner Virchow-Klinikum die Leitung der Onkologie – Hämatologie am Republiks-Kinderkrankenhaus übernahm. Eine „neue Mentalität“ in den sozialen und professionellen Beziehungen seiner Kolleginnen und Kollegen wollte er entwickeln. Ich nannte die Reibungsverluste dieser Utopie, sein Scheitern, aber bat die Anwesenden, Saschas Anliegen nie zu vergessen und diese Utopie als konkretes Ziel zu bewahren. Schließlich sei dies das Verbindende zwischen ihnen in Russland und uns in Deutschland. Und hunderte gerettete Kinder sind Zeugen der realen Substanz dieser Utopie.

Bei allen Gesprächen und auch Trinksprüchen an diesem Tag, wo man mich – stellvertretend für alle Leute, die jemals auf unser Vereins-Spendenkonto für leukämiekranke Kinder Geld überwiesen haben – in den Mittelpunkt der Versammlung pflanzte, suchte ich das Verständnis dafür zu gewinnen, was wir unter sozialer Mitverantwortung verstehen.

Die Gelegenheit dazu hat man nicht alle Tage. Und Moskau, diese protzende Metropole, hinter deren Fassaden sich auch Armut und Fatalismus verbergen, reizt zum Widerspruch. Die Gastgeberinnen und Gastgeber haben es mir nicht verübelt. Denn in jeder und jedem von ihnen schlummert Kritik an den herrschenden Verhältnissen in ihrem Land und an dieser gegenwärtigen Welt. Nur sagen sie es selten laut.

Über 10 Jahre lang haben unsere beiden Ärztepartner Sascha und Andrej für die Entwicklung einer guten Therapie für leukämiekranke Kinder in Russland über die Grenzen ihrer psychischen und physischen Kräfte hinweg gekämpft.

Mittlerweile ist eine neue Ärztegeneration in Russland herangewachsen. Ob sie diesen brennenden Idealismus unserer beiden Pioniere übernommen haben? Kinderonkologe (nicht nur) in Russland zu sein, ist auch eine Charakterfrage. Der Zufall trieb mir einen potentiellen Nachwuchskadidaten in die Arme.

Durch eine Gehbehinderung war ich wegen des Glatteises und der auf die Bürgersteige gehäuften Schneeberge auf ein Auto angewiesen. Mein Chauffeur war Georgij, Arzt im Praktikum auf der Onko-Hämatologie im Republiks-Kinderkrankenhaus. Stundenlang fuhr er mich durch den grausamen Moskauer Verkehr von Termin zu Termin. Die Wartezeit im Auto vertrieb er sich mit Vokabelpauken, er lernt Deutsch. Ein blutjunger, ungewöhnlich ruhiger Georgier, dem Bescheidenheit und Intelligenz ins Gesicht geschrieben ist. Ich beleidigte ihn mit dem Ansinnen, ihm wenigstens das Benzingeld zu erstatten. Nun wird ein Stipendium für ihn gesucht. Er sollte wenigstens für ein halbes Jahr an der Berliner Charité hospitieren, bevor er berufliche Verantwortung in Russland übernimmt.

Das Haus Berlin-Moskau Tags zuvor, am Dienstag, waren wir in einer Immobilie gleich hinter dem Bolschoi-Theater. Eine noble Adresse! Eigentlich sollten hier Berliner Geist und Kultur für den Dialog mit den Moskowitern eine Plattform finden.

Es ist nur Kommerz daraus geworden. Um das teure Haus finanzieren zu können, wird fast jeder Quadratmeter an Geschäftsleute vermietet. Hier wollen wir es wagen, im Herbst eine Ausstellung zu plazieren. Den Geschäftsleuten und Besuchern möchten wir das präsentieren, was vielleicht zum Kostbarsten der Städtepartnerschaft Berlin-Moskau zählt: Die Partnerschaft für leukämiekranke Kinder.

Herbert Bents und ich wurden von einer Mitarbeiterin des Hauses geführt und das Projekt erwies sich angesichts der glitzernden Luxuswelt hinter Schaufenstern als eine ungewöhnliche Herausforderung. Jetzt entwickeln wir eine ästhetisch überzeugende Konzeption. Der Finanzierungsantrag an den Berliner Kultursenat ist gestellt. Wenn alles gelingt, sollten unsere Mitglieder und Förderer mal überlegen, sich anlässlich der Ausstellungseröffnung im Oktober oder November 2003 eine Reise nach Moskau zu gönnen.

Die Schule der Selbstbestimmung.

Zuvor die stillen, blassen Kinder in ihren Betten, dann das bunte, fröhliche Gegenteil davon. Immer, wenn ich dort zur Tür reinkomme, überrascht mich dieser unglaubliche Kontrast zwischen unseren beiden Moskauer Partnerschaften. Ein anderer „Sascha“ umarmte mich zur Begrüßung in seinem Direktorenzimmer, Alexander Naumowitsch Tubelskij.

Auch er ein russischer Jude, aber ein ganz anderer Typ als Sascha, der Kinderonkologe. Zumindest treibt beide etwas um, was ich zuvor als „Utopie“ beschrieb. In diesem Fall ist es die Schule als Modell einer demokratischen Gesellschaft. „Selbstbestimmung“ ist hier keine leere Phrase.

Wir sprachen über verschiedene Projekte, das gemeinsame „Lernbüro“ mit der Weddinger Ernst-Schering-Oberschule, die Fortführung des „City-Projekts“ und das „Antifa-Projekt“. Zuvor hatte die Schule unsere Nachricht bekommen, dass ein neuer Projektantrag geschrieben wird: Es geht um ein Begegnungsprogramm mit Schulen in Berlin und je einer Schule in Kiew, Minsk, Moskau und NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.

Valentina, die Deutschlehrerin, führte mich in einen Klassenraum, wo rund 40 Kindern und einer Lehrerin das Vorhaben erläutert wurde. Ich glaube, alle überzeugt zu haben von der Notwendigkeit des gemeinsamen Nachdenkens über Geschichte und der gemeinsamen deutsch-russischen Verantwortung für die Überlebenden der Naziherrschaft. Die alten Menschen, denen wir uns mit diesem Projekt zuwenden, leben bis heute unter der Last von Vorurteilen, sie wurden nach der Rückkehr aus Nazideutschland auch unter Stalin gequält.

Team der Station im Republikskinderkrankenhaus

Das Team der neuen Station im Republikskinderkrankenhaus in Moskau.

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