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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von Arend von Stackelberg.
Die kargen Wintermonate in Moskau waren gezeichnet von gigantischen politischen Umwälzungen, vom Zusammenbruch jahrzehntelang gepredigter Wertesysteme, vom Machtverlust des bis dahin einzig und allein gewesenen Machtorgans.
Im Januar kam der Schock der Preisfreigabe. Die versprochenen Gehaltserhöhungen dagegen sind bis jetzt ausgeblieben, zumindest für solche unökonomischen Berufe wie zum Beispiel Arzt und Krankenschwester.
Der Lebensstandard ist im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich gesunken. Mit einem Gehalt von 500 bis 800 Rubeln leben Stationsärzte im Moment zum Beispiel 2-fach unter dem theoretisch errechneten Existenzminimum von etwa 1500 Rubeln.
Trotzdem zu leben, kostet viel Kraft, viel Erfindungsgeist, bedarf hilfsbereiter Großmütter, die tagsüber in den Schlangen stehen, um erschwingliche Grundnahrungsmittel zu kaufen. An darüber hinausgehende „Luxusgüter“, wie zum Beispiel Kleidung oder Schuhe, ist im Moment nicht zu denken.
Wenn in dieser Situation das geliebte, in der Regel einzige Kind an einer so furchtbaren Krankheit wie Leukämie erkrankt, so bringt das in Rußland Probleme von noch ganz anderer Art mit sich, als es bei uns der Fall ist.
Werden bei uns die Patienten mit ihren Familien von einem Gesundheits- und Sozialsystem mit einer gut funktionierenden Klinik in der Nähe, psychologischer Betreuung, Elternvereinen usw. aufgefangen und rundum unterstützt, um die Belastung einer solchen Erkrankung tragen zu können, so fängt in Rußland für die Familie, meistens für die Mütter, der einsame Kampf gegen eine gleichgültige Bürokratie an und die unendlich schwierige Suche nach einer geeigneten Klinik zur Behandlung des Kindes.
Bittere Erfahrungen markieren diesen Weg: Ärzte sind inkompetent und korrupt, oder fähige Ärzte würden die Therapie sofort einleiten, wenn – ja wenn die Familie die benötigten Arzneimittel beschaffen könnte. In der Klinik sind solche teuren Medikamente wie Zytostatika und gute Antibiolika nämlich schon längst nicht mehr vorhanden.
Mit diesen Erfahrungen wächst in den Müttern ein tiefes Mißtrauen gegenüber dem russischen Gesundheitssystem, genährt noch von dem Wissen um die schlechten Ergebnisse der Leukämiebehandlung, die Mütter nur zu gut kennen.
So ist es kein Wunder, daß jede Mutter alles daran setzt, für ihr Kind die Möglichkeit einer Behandlung im goldenen Westen ausfindig zu machen.
Erstaunlicherweise schaffen russische Familien es immer wieder, Summen von bis zu 250 000 DM aufzubringen, sei es durch Joint-Venture-Firmen, in denen der Vater arbeitet, sei es durch karitative Vereinigungen, um damit die immensen Kosten einer Behandlung in Deutschland decken zu können.
Der Aufenthalt in einem fremden Land für eine solche Behandlung, die ja in der Regel bis zu zwei Jahre dauert, entwurzelt die betroffene Familie gänzlich.
Ohne die Landessprache zu beherrschen, leben diese Familien meist isoliert in Schwesternwohnheimen oder sonstigen Provisorien, die Kommunikationsprobleme belasten sie und das Krankenhauspersonal. Die Hoffnung auf ein zukünftiges Teilhaben an dem hohen Lebensstandard um sie herum verlockt die Familien dann nur allzu oft noch dazu, einen Asylantrag zu stellen.
Jedes Jahr erkranken in Rußland etwa 5000 Kinder an Leukämie, allein im Großraum Moskau sind es ca. 250. Das einzige Ziel einer Hilfe aus dem Westen kann in dieser Situation nur folgendes sein: Die Schaffung einer realen Chance für die Heilung in Rußland selbst.
Nur so können russische Familien Vertrauen in die Medizin ihres Landes gewinnen und sind nicht gezwungen, auf eigene Faust Unsummen für die Behandlung des erkrankten Kindes in einem fremden Land aufzutreiben.
Diesem Ziel scheint Dr. Karatschunski mit seiner Station für Onkologie-Hämatologie am zentralen Republiks-Kinderkrankenhaus in Moskau ein Stück näher gekommen zu sein.
Durch ein mehrmonatiges intensives Studium der Leukämietherapie in Berlin auf der Station für Onkologie-Hämatologie von Professor Henze im KAVH-Berlin hat er sich mit den deutschen Therapieprotokollen vertraut gemacht. Dort hat er die Organisationsform und die Arbeitsweise kennengelernt, die im Endeffekt so gute Ergebnisse in der Behandlung von leukämiekranken Kindern erbringen.
Seit Sommer 1991 hat er eine inzwischen vorbildlich funktionierende Station aufgebaut. Ein zentrales Projekt seiner Tätigkeit bildet die Etablierung eines neuen, für die besonderen Umstände russischer Kliniken in Zusammenarbeit mit Professor Henze konzipierten Therapieschemas.
Dieses Schema zeichnet sich durch seine geringe Toxizitäl aus bei gleichzeitiger Gewährleistung der Wirksamkeit zur Heilung der Leukämie. Es ist billiger und einfacher durchzuführen.
Trotzdem ist diese Station auf eine kontinuierliche Hilfe aus dem Westen angewiesen.
Auch das neue Therapieprotokoll benötigt einige teure Zytostatika und gegebenenfalls gute Antibiotika. Um gute hygienische Bedingungen gewährleisten zu können, bedarf es auch einer großen Menge an Einmalmaterialien. Ohne die ist eine solche Therapie nicht durchführbar.
Bei der katastrophalen wirtschaftlichen Situation in Rußland ist an eine Versorgung der Kliniken durch den russischen Staat im Moment nicht zu denken. Inzwischen haben schon 10 Kinder mit der neuen Therapie begonnen.
Die Verläufe sind vielversprechend. Nach einer kurzen Übcrwachungsphase können sie in der Regel ambulant weiterbehandelt werden – ein weiterer Vorteil des neuen Therapieschemas.
Bis jetzt werden Patienten auch nach dem herkömmlichen deutschen Therapieschema behandelt, um einen Vergleich zu haben und um einen Vorteil des neuen Protokolls dokumentieren zu können.
Sobald sich dieser belegen läßt, kann das neue Schema auch in anderen Kliniken eingeführt werden, in denen die Bedingungen nicht so gut sind wie auf der Station von Dr. Karatschunski. Gerade das ist ein Ziel dieses neuen Schemas.
Leukämietherapie soll nicht nur an wenigen Zentren mögtich sein, sondern auch periphere Kliniken sollen mit guten Ergebnissen behandeln können, so daß eine Heilung einer möglichst großen Anzahl von erkrankten Kindern zugute kommen kann.
Die Station von Dr. Karatschunski macht einen guten, sauberen Eindruck.
Die Eltern der erkrankten Kinder scheinen Vertrauen in die Behandlung gewonnen zu haben. Sie haben kürzlich einen Elternverein leukämiekranker Kinder gegründet und wollen versuchen, organisiert die Arbeit dieser Station zu unterstützen.
So wollen sie zum Beispiel russische Firmen und karitative Vereinigungen dazu bewegen, statt einzelne Fälle im Ausland zu unterstützen, die dort Unsummen für die Therapie benötigen, gut funktionierende Kliniken in Rußland zu unterstützen.
Diese Hilfe käme einer viel größeren Anzahl von Kindern zugute.
Die Versorgung der Station ist allerdings bei weitem noch nicht gewährleistet. Eine große Hoffnung des Personals und der Eltern liegt in der Bereitschaft des Vereins für Kontakte zu den Ländern der ehemaligen Sowjetunion e.V. in Berlin, eine kontinuierliche Versorgung der Station und im weiteren anderer Stationen, die in Moskau leukämiekranke Kinder behandeln, mit medizinischem Material und Medikamenten zu gewährleisten.
Nach Meinung Karatschunskis kann die Station nur mit einer solchen Hilfe die jetzige wirtschaftliche Krise überstehen und trotz der jetzigen Situation leukämiekranke Kinder behandeln.
Aber er gibt sich optimistisch und glaubt, daß die Krise zumindest im Bereich des Gesundheitssystems in wenigen Jahren überwunden sein wird und daß dann Stationen in Moskau selbständig und unabhängig von westlicher Hilfe leukämiekranke Kinder behandeln und heilen.
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