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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Bericht von Eberhard Radczuweit.
Am 6. Februar flog ich gemeinsam mit Alexander I. Karatschunskij nach Moskau. Unser Besuch galt unter anderem der Onko-Hämatologie-Abteilung im Republiks-Kinderkrankenhaus.
Deren Leiter Dmitrij Litvinov berichtete, dass seit dem von uns finanzierten Einbau einer komplexen Luftfilteranlage kein Patient mehr an den gefürchteten Pilzinfektionen erkrankt sei. Es wäre keine Sepsis mehr vorgekommen, an der zuvor viele durch Chemotherapie geschwächte Kinder starben.
Dmitrij rechnete die hohen Kosten für Antibiotika vor, die früher nötig waren (20 000 bis 50 000 Euro pro Patient). Diese alle Stationsbereiche umfassende Filteranlage ist einmalig in Russland.
Die Konsequenz: es werden aus dem gesamten Land die schwierigsten Patientenfälle aufgenommen: 150 Prozent mehr Rezidivfälle, schon fünf Neoblastome dieses Jahr und fünf autologe Knochenmarktransplantationen.
Die Behandlung ist kostenlos, aber viele arme Eltern können die Aufenthaltskosten in der irrsinnig teuren Metropole nicht bezahlen. (Die Mütter stehen den schwer belasteten Patienten während der Therapiephasen zur Seite.)
Dmitrijs große Bitten an uns: Anmietung einer Vier-Zimmerwohnung in Kliniknähe für jeweils vier Mütter. Das würde monatlich etwa 800 Euro kosten, wäre aber eine große soziale Unterstützung, die den ärmsten Patienten zugute käme.
Zweitens bat er uns um die jährliche Besorgung der Filtereinlagen, die es in der nötigen Qualität nur in Deutschland gäbe.
Karatschunskij bringt mich zur Laborleiterin Dr. Ludmila Bajdun, die mir freudig ihre neue technische Einrichtung zeigt. Ein Kredit aus den USA an die Klinikleitung machte das möglich.

Dr. Ludmila Bajdun in ihrem Labor.
Fotos: Eberhard Radczuweit.
Ludmilas Team leistet Laboruntersuchungen für alle Kinder mit akuter Leukämie, die im Rahmen unseres Moskau-Berlin-Therapieprogramms in ganz Russland behandelt werden.
Doch was nützen all die millionenteuren Geräte, wenn die fähigsten Mitarbeiter wegen der Hungerlöhne in die Privatindustrie abwandern? Hier bewährt sich unsere kleine Aktion „Ärzte für Ärzte“.
Ich übergab Ludmila 2000 Euro für die nächsten drei Monate, sie reichte mir die von Laborärzten und Laboranten unterzeichneten Empfangsbestätigungen vom letzten Quartal.
Deren Arbeitspensum ist schwindelerregend. Jährlich 40 000 Blutanalysen, 2500 Knochenmarkabstriche, 800 Lymphknotenuntersuchungen, 150 Gewebeuntersuchungen solider Tumore.
Wir fuhren zur Morosow-Kinderklinik, nie zuvor hatte ich dort die Pathologie besucht. Der Laborleiter Prof. Dr. Dmitri Konowalow und sein Team berichteten über ihre Arbeit für unsere multizentrische MB-Studiengruppe. Ich verzichte hier auf die Wiedergabe und empfehle eine Anfrage an unsere Fachleute.

Prof. Dr. Dmitri Konowalow (rechts) und zwei seiner Kollegen im Labor für Pathologie und Zytologie.
Konowalows Bitten an uns sind bescheiden: westliche Fachliteratur.
Prof. Andrej Timakow, der einst die Gastfreundschaft unserer Vorsitzenden Hilde Schramm genoss, als er in Berlin seine Doktorarbeit schrieb, der danach zehn Jahre lang Leiter der Onkologie-Hämatologie am Morosow-Kinderkrankenhaus war, das mit unserer Beihilfe zu einem der modernsten russischen Zentren zur Behandlung krebskranker Kinder wurde, Andrej nannte das größte Problem: Die Leitung dieses Moskauer Kinderkrebs-Zentrums erfordert organisatorische, wissenschaftliche und menschliche Eigenschaften, die selbst im großen Russland selten zu finden sind.
Der Status quo lässt befürchten, das diese kostbare Einrichtung an Bedeutung verliert, das Niveau der Patientenbehandlung sinkt. Das heißt in unserem Fall: Kinder sterben, die gerettet werden könnten.
Was tun?
Andrej stellte einen Kandidaten vor, der alle notwendigen Eigenschaften in sich zu vereinen scheint. Der promovierte Kinderarzt Gleb Bronin hat schon viele Wissenschaftspreise eingeheimst, 25 Publikationen liegen von ihm vor.
Andrej stellte dem 27jährigen Kollegen das beste Zeugnis aus und nannte die dringende Bitte: ein Halbjahres-Stipendium an der Berliner Charité.
Wir werden diesen Wunsch erfüllen, weil wir aus der Vergangenheit den Wert solcher Maßnahmen kennen. Sollte es uns nicht gelingen, eine Stiftung für die Stipendienfinanzierung zu erwärmen, appelliere ich schon mal an Berliner Mitglieder, ab Juni kostenlos ein Zimmer für Gleb Bronin zur Verfügung zu stellen.
Ein enges Zimmer im Republiks-Kinderkrankenhaus, drei Computerarbeitsplätze, Katja bietet mir den vertrauten Platz am winzigen Tisch an, darauf Fisch, Gebäck, Teetassen. Die Zentrale der Studiengruppe „Moskau-Berlin-Protokoll“ ist Selbstversorger.
Geld gibt es nur von KONTAKTE-KOHTAKTbI. Katja und Dima sind medizinische Statistiker, die scheinbar rund um die Uhr dort am Rechner und am Telefon sitzen, verbunden mit 30 Kinderkrebs-Zentren in ganz Russland und Belarus.
Auf dem Bildschirm mir gegenüber leuchtet die Überschrift Datenbank MB 2002, darunter Städtenamen von Archangelsk bis Woronesch, die Orte aller beteiligten Kinderkrebs-Zentren, daneben Zahlenkolonnen.

Dr. Jekaterina Rogaschewa.
Die an dem 2002 modifizierten MB-Therapieprotokoll teilnehmenden Kliniken schicken täglich alle Patientendaten. Nichts bleibt verborgen. Alle auftretenden Behandlungsprobleme werden sofort besprochen.
Die Datenfülle verdichtet sich zu Diagrammen und statistischen Kurven, Grundlagen für erweiterte Kenntnisse auf einem medizinischen Gebiet, das noch viele Rätsel aufweist.
Die lebhafte, gute Katja – offiziell Dr. Jekaterina Rogaschewa – verdeutlichte mir die Dimension hinter den Zahlenreihen auf dem Computerbildschirm. Selbst soziale Notfälle von Eltern der Patienten bleiben ihr nicht verborgen.
Dieser kleine Büroraum im Republiks-Kinderkrankenhaus erscheint mir als Sinnbild unserer Arbeit: Mit bescheidenen Möglichkeiten große Wirkungen erzeugen.
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