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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Kirchenstiftung sagt Hilfe beim Neubau zu.

Eröffnung des neuen Kinderkrebs-Zentrums verzögert sich weiter.

Ein Bericht von Eberhard Radczuweit.

Moskau, 23. bis 29. Juni 2002

Diese Reise war in froher Erwartung geplant. Der Termin galt der festlichen Eröffnung des neuen Zentrums für Onkologie und Hämatologie im Republiks-Kinderkrankenhaus (RDKB). Das war uns letztendlich versprochen worden.

Und wieder wurden wir enttäuscht. Auf der Baustelle hatte sich seit April nur weniges verändert. Ende der Geduld! Heftige Diskussionen, schlaflose Nächte, Suche nach Lösungen.

Unser Moskauer Vereinsmitglied Prof. Ilja Kremer, Historiker, Vorsitzender des Moskauer Verbandes der Kriegsversehrten, überzeugte den Bauunternehmer Wladimir Schifrin von der Dringlichkeit unseres Vorhabens. Herr Schifrin begeisterte sich und wollte ohne Profit, zum Selbstkostenpreis von 15 000 Dollar, die Arbeiten zu Ende bringen lassen.

Doch woher das Geld nehmen?

Bei meiner Rückkehr nach Deutschland überschlugen sich die Ereignisse. Lina Silownewna, die Präsidentin einer Stiftung der Russisch-Orthodoxen Kirche, hatte ihrerseits eine Baufirma gefunden, die kostenlos! fast alle restlichen Arbeiten erledigen will.

Seit dem 15. Juli ist wieder Betrieb auf der Baustelle…

Die Beschreibung dieser Moskauer Woche reichte aus für ein Buchprojekt, hätte es die Zeit und Muße fürs Tagebuch gegeben. Ich beschränke mich auf eine Facette, die Sie, liebe Leserin, lieber Leser, am meisten interessieren dürfte: Meine Begegnung mit diesen Kindern und ihren Eltern.

Vier Kinderschicksale von Tausenden.

Sascha führte mich in vier Krankenzimmer der alten Station für Onkologie und Hämatologie des RDKB. Vier Kinderschicksale unter Tausenden im ganzen Land, die unter dem gleichen bösen Vorzeichen stehen: Krebs.

Den vierjährigen Kostja Vjaznikov aus Krasnojarsk hatten wir schon das letzte Mal besucht und seiner Mutter etwas Geld gegeben. Die Mutter ergänzt ihre damalige Schilderung: „Mein Mann läßt sich seit Kostjas Erkrankung kaum mehr blicken und droht mit Scheidung.“

Die Aufenthaltskosten der Mutter werden jetzt von Linas Kirchenstiftung bezahlt. Es gab lange Zeit in Moskau keinen anderen Aufenthaltsort für die Mutter, als das Krankenzimmerchen ihres Sohnes. Kostjas Luft zum Atmen blieb dabei nicht keimfrei, es gab schwere Komplikationen.

Die Prognose: 40 Prozent Überlebenschance.

Sascha Karatschunski demonstrierte mir nach dem Gespräch mit der Mutter die Notwendigkeit des Klimageräts für sterile Luftzufuhr, das KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. in Österreich für die neue Station eingekauft hatte.

Bild von Jana Popova

Jana Popova mit ihrer Mutter.

Die elfjährige Jana Popova kam mit der Mutter vor drei Monaten aus einer Kleinstadt im Vologodskij-Gebiet zum Republiks-Kinderkrankenhaus.

Die Mutter:

Jana ist mein einziges Kind. Als Jana im März erkrankte, stellte man nur eine Schleimhautentzündung und Herpes an den Lippen fest. Erst im Mai ergab die Blutuntersuchung im Krankenhaus von Vologda die richtige Diagnose und Jana wurde sofort ins RDKB überwiesen. Der Laden, in dem ich als Verkäuferin arbeitete, hat für mich nichts mehr gezahlt. Ich weiß nicht mehr, wie ich hier existieren kann.

Die Mutter spricht es leise und klaglos aus. Janas akute lymphoblastische Leukämie wird nach „unserem“ Moskau-Berlin-Protokoll behandelt, und zwar nach dem Schema, das Ende April von Kinderärzten aus 22 russischen und weißrussischen Kliniken verabredet worden ist. Ich gab der Mutter 300 Euro in die Hand.

Der sechzehnjährige Anton Smirnow aus Kemerovo leidet seit 13 Jahren an Leukämie! 1994 hatte er einen Rückfall (Rezidiv). Jetzt wird er nach dem deutschen Therapieprotokoll „BFM-96“ behandelt.

Manchmal bleiben mir die Fragen im Halse stecken. So erhielt ich vom Vater nur die Auskunft, daß er die ganze Zeit des Krankenhausaufenthaltes bei seinem Sohn sei, weil die Mutter zu Hause mehr Geld als er verdienen könne.

Bild von Veronika Lisenko

Veronika Lisenko.

Die vier Monate alte Veronika Lisenko kam mit ihrer 19jährigen Mutter im Mai aus Irkutsk (Sibirien) zum RDKB.

Diesmal berichtet die behandelnde Ärztin:

Das Kind kam mit einem bösartigen Tumor am Handgelenk zur Welt. Die Kollegen in Irkutsk entschieden sich für die Amputation bis zum Ellenbogen. Aber da mischte sich zum Glück Prof. Karatschunski ein, um das Ausmaß der Operation zu verringern. Ganz Irkutsk hat Geld für die Reise nach Moskau gesammelt.

Das Mädchen bekam bei uns vier Kurse Chemotherapie mit ausgezeichnetem Resultat. Jetzt kann die Hand wohl gerettet werden. Schade, daß wegen des absoluten Geldmangels der Familie die Mutter mit dem Kind die ganze Zeit bei uns verharrt. Aber das Kind wächst und entwickelt sich normal.

Hunderte Krankengeschichten waren im Laufe von 11 Jahren bei den regelmäßigen Besuchen in unseren beiden Moskauer Partnerstationen zu vernehmen.

Unzählige leukämiekranke Kinder in den Kliniken, die seit 10 Jahren in wachsender Zahl nach unserem „Moskau-Berlin-Protokoll“ behandelt werden, mögen die Schule beendet und einige vielleicht schon selber Kinder haben. Sie verdanken ihre Gesundheit den engagierten russischen Ärztinnen und Ärzten. Ihr Leben ist verbunden mit unbekannten Menschen, die mit Spenden geholfen haben. Eine Rückmeldung ist selten möglich.

So freue ich mich, Ihnen hier den Brief der Eltern von Arewik zur Kenntnis zu geben. Dieses armenische Mädchen, eine ehemalige Patientin von Prof. Karatschunski (Sascha), hatten wir im Oktober 2001 zur Operation in die Berliner Charité eingeladen.

Sie schrieben uns am 19. Juni:

Mit großem Dank an Sie schreibt Ihnen aus der Stadt Noworossijsk die Familie Mkrtschian. Wir vergessen nie, dass Sie uns mit solcher Wärme und Verständnis entgegengekommen sind. Wir danken Ihnen herzlich für alles was Sie für uns gemacht haben.

Jetzt möchten wir Ihnen unsere Erfolge mitteilen. Nach ärztlicher Empfehlung hat Arewik innerhalb von 7 Monaten ohne große Belastung mit Krankengymnasten trainiert. Zur Zeit kann Arewik frei mit Hilfe von Krücken laufen und wie sie sagte, jetzt fällt es ihr leichter zu laufen als vor der OP. Täglich sehen wir Fortschritte. Jetzt trainiert sie allein ohne Physiotherapeuten und will die Belastung erhöhen.

Arewik hat ihre Prüfung mit guten Noten bestanden und mit Erfolg die Schule beendet. In diesem Jahr hat sie sich entschieden, noch kein Studium anzufangen, und widmet die ganze Zeit, um sich wieder aufzubauen…

Wir werden uns sehr freuen, wenn Sie uns besuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Familie Mkrtschian.

Wir haben Arewik und den Eltern geantwortet, daß wir ihren Dank weitergeben an alle Menschen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, die mit ihrer Spende Arewik geholfen haben!

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