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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Berlin, im Dezember 2001.
Es war eine große Ausnahme, dass wir das armenischen Mädchen Arewik Mkrtschian mit ihren Eltern aus Russland zur Behandlung nach Berlin einluden. Unser Partner Prof. Dr. Alexander Isaakowitsch Karatschunski sah keine andere Möglichkeit mehr, als uns darum zu bitten.
Am 20. Oktober trafen Arewik, Mutter Karine und Vater Artur auf dem Flughafen ein und schon am nächsten Tag wurde Arewik operiert. 45 000 DM verlangte die Krankenhausverwaltung zuvor von uns! Bitten um Spendenaufrufe zur Finanzierung der Operation blieben sowohl beim Berliner „Tagesspiegel“ als auch bei der „Berliner Zeitung“ erfolglos.
Das folgende Gespräch mit Karine und Artur fand nach der erfolgreichen Operation beim Abschiedsessen am 2. November statt und zeichnet deren schweres Schicksal von der Vertreibung aus ihrer Heimat bis zur lebensbedrohlichen Erkrankung ihrer Tochter Arewik nach.
Eberhard Radczuweit.
Karine: Ich selbst stamme aus Grosny. Ich bin dort geboren. 1983 heiratete ich Artur und zog nach Karabach. 1984 wurde Arewik geboren.
Wir lebten dort, alles war normal, alles war gut, solangediese Probleme bei uns noch nicht begonnen hatten. Wie soll man das erklären, diese ethnischen…
Die Probleme dort, sie waren plötzlich da oder wie kam es dazu?
Karine: Na, am Anfang passierte das in Sumgait. Und dann wurde schon eine Kettenreaktion ausgelöst in ganz Aserbaidschan und erreichte Karabach. Ja, und hier kam es dann zu harten Auseinandersetzungen zwischen Aserbaidschanern und Armeniern, hier gab es eben eine solche Bevölkerung, sie lebten alle vermischt und die ernsten Probleme in Karabach haben begonnen.
Aber das war nicht so einfach, die Leute selbst waren einfache Leute, die ganze Lage wurde von oben herbeigeführt und darunter gelitten haben die gewöhnlichen Leute.
Aber die Frage war, dass Karabach eigentlich armenisches Territorium ist, oder?
Karine: Ja, nun, früher war es eigentlich armenisches Territorium, aber zur Zeit der Regierung von Stalin, von Stalin oder Lenin…
Artur: Nun, nach der Revolution…
Karine: Nach der Revolution haben sie jedenfalls dieses Territorium von der Armenischen Sowjetrepublik losgelöst und es Aserbaidschan gegeben. Damals gab es auch schon bestimmte Gegenbewegungen, nur so ernst wie die jetzigen waren sie nicht. Und genau am Ende der 80er Jahre sind wieder solche Bewegungen aufgekommen. Und ein Krieg hat begonnen.
Ja, es kam hier zu solchen Problemen, da diese Gebiete eigentlich zu Armenien gehörten und wir nicht im Bestand von Aserbaidschan sein wollten, aber trotzdem haben wir doch eigentlich normal gelebt, es gab keine Probleme, wir lebten alle gut.
Aber wer hat sich dort eingemischt, was hat zum Schluss zum Krieg geführt, es war doch nicht das einfache Volk?
Karine: Das war nicht das einfache Volk. Da gab es, verstehst Du, die Stadt Sumgait. Das ist eine Stadt und Betriebe. Es gab sehr viele Fabriken und Betriebe dort.
Nach dem zweiten Weltkrieg gebaut?
Karine: Ja, nach dem Krieg hat man sie dort hingebaut. Und dort haben sehr viele Armenier gearbeitet. Und plötzlich, innerhalb von drei Tagen, wurden sehr viele Armenier verschleppt und erschlagen.
Ja, es sind schreckliche Sachen passiert, man hat Videokassetten darüber verbreitet, ja, nun, wir hatten bisher bei uns in Karabach nichts dergleichen erlebt, aber die Aufnahmen haben die Leute nervös gemacht und sie hatten Angst, dass es bis hierher kommen würde…
Wir befanden uns doch auch in Aserbaidschan, und langsam heizte sich die Lage auf. Ich dachte damals noch nicht, dass sie ausweglos sei. Diejenigen, die die Macht hatten… Aber wem sollte dies denn sonst nützen?
Schrittweise fing es zwischen den Bewohnern in den Dörfern an, dort lebten armenische und aserbaischanische Nachbarn nebeneinander. Sie fingen an, sich voreinander zu fürchten. Eine Kettenreaktion wurde ausgelöst. Einige begannen fortzuziehen. Dort, wo vor allem Armenier wohnten, gingen die Aserbaischaner weg, und dort, wo vor allem Aserbaischaner wohnten, gingen die Armenier.
Es begann mit Dorf gegen Dorf. Zu Anfang prügelten sie sich nur. Manchmal hielten Autos an, nahmen jemanden mit. Dann wurde es ernster, es kamen die bezahlten Söldner.
Artur: Der Krieg hatte begonnen.
Karine: Der offene Krieg hatte begonnen, aber nicht Einheimische kämpften, zum Anfang kämpften Söldner. Es kam zu Morden.
Söldner – wer waren sie? Kamen sie aus Russland oder von wo?
Karine: Ich kann nicht wirklich sagen, woher diese kamen. Aber unter der armenischen Bevölkerung wurde geredet, dass es irgendwelche zugereiste Armenier… äh, Araber…, Araber…
Artur: Afghanen…
Karine: Afghanen hatte man speziell angeworben. Weil die Aserbaidschaner selbst so etwas nicht tun, kamen die Söldner und wurden dafür bezahlt. Und danach begann die Bevölkerung selbst.
Artur, Sie sagten, dass die Aserbaidschaner ein friedfertiges Volk sind und nicht gerne kämpfen.
Artur: Ja.
Karine: Bei uns war es immer friedlich. Solche Probleme gab es niemals. All die Jahre haben wir so zufrieden dort gelebt. Soetwas kommt nicht einfach so, da ist ein Haus neben dem anderen. Dort ein armenisches, da ein aserbaidschanisches. Alle waren vermischt, generell gab es solche Probleme nicht. Noch hatte nichts begonnen.
In der Nähe, wo wir wohnten, gab es eine Siedlung. Eine Frau mit ihrem Mann, sie war schwanger. Sie fuhren ins Krankenhaus, wohin man sie bestellt hatte. Eines der ersten Vorkommnisse war dieses, dass vor den Augen des Mannes… also es ist eine furchtbare Geschichte… sie brachten die Frau um. Sie schnitten ihr den Bauch auf… Das war furchtbar.
Das war ein Schock für die gesamte Bevölkerung und die Leute begannen sich sehr zu fürchten. Viele begannen, nach Möglichkeit wegzufahren. Armeetruppen begannen mit der Besetzung, russische Truppen kamen.
Artur: Und niemand durfte einreisen und niemand ausreisen.
Karine: Wie ein verbotenes Gebiet, keine Fremden wurden eingelassen, keiner durfte gehen. Und so kam es zur Kriegssituation. Die Leute gingen nicht mehr zur Arbeit, die Betriebe hörten auf zu arbeiten, der Krieg begann und dann kamen die Bombardements.
Artur: Die Sowjetunion zerfiel.
Bombardierten die sowjetischen Truppen?
Artur: Ja, zuerst die sowjetischen, danach…
Karine: Zuerst waren es die sowjetischen und danach, verstehen Sie, konnte man Waffen einfach kaufen. Wer mehr Geld hatte, der kaufte auch mehr Waffen. Unter den Aserbaidschanern kam mehr Geld zusammen…, es waren solche Verhältnisse…
Ich weiß nicht, wissen Sie, als sie bombardierten, wie Schachbrettbombardements. Wie nach einem Schema… Und dann fingen die Armenier an, ihre Kräfte zu sammeln und dann kam es, dass heute die Aserbaidschaner bombardierten und morgen bombardierten unsere. Kurz gesagt… Leben gab es nicht.
Alles war gefährlich. Tagsüber konnte man noch nach Hause gelangen und nachts schliefen wir im Luftschutzbunker. Im Juni 1992 bat Artur einen Freund, mich und Arewik mit dem Auto nach Jerewan zu bringen. Artur wollte anfangs noch dort bleiben, aber dann wurde es immer schlimmer.
In Jerewan war es auch schwer zu leben. Es gab nichts zum Leben. Ein Onkel von Artur wohnte in Noworossijsk. Er lud uns zu sich ein, sagte, dass er uns in der ersten Zeit helfen werde, nur müßten wir gleich Arbeit suchen. Wohnen könnten wir bei ihm.
„Besser wegfahren, solange wir noch leben.“ Und so haben wir alles aufgegeben und fuhren weg. Zwei Koffer hatten wir. Nahmen sie und fuhren weg. Wir dachten, besser wohnt Arewik in einer ruhigen Stadt ohne diese ganzen Probleme und überhaupt besser… eine Ausbildung… Nicht unbedingt ein eigens Haus, obwohl…
In welchem Jahr war das?
Karine: 1992 fuhren wir weg. Ein ganzes Jahr haben wir bei Arturs Onkel gewohnt. Er hat uns sehr geholfen. Bald fand ich Arbeit, Artur begann zu arbeiten. Wir kamen wieder auf die Beine. Mieteten eine Wohnung. Arewik ging zur Schule. Im großen und ganzen war alles normal.
Dann kamen die Eltern von Artur. Bei ihnen zu Hause war es so schwer zu leben, es gab nichts…
Danach waren Sie in Jerewan?
Karine: In Jerewan waren wir etwa eineinhalb Monate, aber dort hatten wir nichts zum Leben. Jerewan selbst stand unter Blockade und alles war sehr teuer. Wir wohnten bei der Schwester von Artur. In dieser Zeit arbeiteten weder sie, noch ihr Mann, weil alle Betriebe stillstanden.
Und warum arbeitete in Jerewan nichts?
Karine: Es fing mit der Blockade an. Die Güter, die hergestellt wurden, konnten nirgends hin verkauft werden. Es gab Überhang. Um die Leute nicht bezahlen zu müssen, wurden sie entlassen, ohne Unterhalt.
Artur: Durch Aserbaidschan…
Karine: Die Straßen waren alle gesperrt, durch Georgien…
Artur: In Abchasien war auch Krieg.
Karine: Dann war Armenien unter Blockade und das Leben wurde unmöglich und wir gingen nach Noworossijsk. Und nach und nach, zum Anfang nur ein wenig, wurde es besser…
Arewik schlief schlecht, wachte immer auf, hatte Angst vor Bombardierungen, so wie bei allen Kindern, welche…
Nach zwei Jahren kam sie mehr oder weniger zu sich, alles war vergessen, alles war normal. Viele Verwandte kamen zu uns, Verwandte von mir und von Artur. Artur begann zu arbeiten und allmählich… alle, die konnten, halfen… Wir kauften uns eine Wohnung.
Und arbeiteten Sie schon bei der Steuerinspektion?
Karine: Ja, man hatte mich sofort genommen bei der Steuerinspektion.
Und Sie, Artur?
Artur: Ich machte kleine Geschäfte, und fuhr Taxi…
Karine: Artur machte alles.
Artur: Nur nicht mehr Lehrer…
Karine: Langsam standen wir wieder auf eigenen Beinen. Dann starb der Vater von Artur. Sein Herz war krank, er hat das alles nicht überlebt. Wir hatten selbst alles zurückgelassen und waren weggefahren. Aber er war ein alter Mensch und sagte: „Mir fällt es so schwer, noch einmal von Null anzufangen und dazu noch in einer anderen Stadt.“
Das war der erste Schlag, der uns nach alledem traf.
Bis 1997 blieb alles soweit normal. 1997 tauchten die ersten Anzeichen der Krankheit bei Arewik auf. Wir konsultierten Ärzte. Keiner konnte eine Diagnose stellen. Sie meinten, es wäre eine Erkältungskrankheit, danach vermutete einer der Ärzte, dass sie die erste Phase von Tuberkulose hätte, und sie begannen, ihr Tabletten zu geben. Danach stellte sich heraus, das alles das nichts war.
1998 gingen wir ins Krankenhaus. Der Rücken begann zu schmerzen, der Bauch. Man sagte uns, es wäre eine Blinddarmentzündung und begann sie entsprechend zu behandeln. Vor allem gab man ihr viele Antibiotika. Doch ihr Zustand verschlimmerte sich heftig…
Und 1998 verschlechterte sich ihre Situation. Einer der Ärzte vermutete, dass es wahrscheinlich ein Tumor ist…
Wir fuhren sofort von Noworossijsk nach Krasnodar. Dort untersuchten sie Arewik und sagten, dass es wirklich ein Tumor ist mit Metastasen und keine Hoffnung und „fahren Sie nach Hause“. Wir kehrten nach Hause zurück.
Nach einigen Tagen entschlossen wir uns, nicht länger zu warten, Zeit zu verlieren. Selbst wenn sie uns in Moskau dieselbe Diagnose stellen… um uns später nicht selbst zu zermartern, dass wir nicht alles getan haben. Und wir fuhren im Mai nach Moskau.
Wahrscheinlich war an an diesem Tag einfach Gott mit uns, denn an diesem Tag hatte Karatschunski Dienst in der Aufnahmeabteilung.
Artur: Nach dem Arbeitstag.
Karine: Es war das Ende des Arbeitstages und er hätte eigentlich nicht mehr da sein müssen. Als wir ankamen, wollten sie uns nicht aufnehmen, weil wir keine Überweisung hatten. Wir sind einfach auf unsere eigene Initiative gekommen, weil man uns eine Absage gegeben hatte: „kein Sinn“.
Karatschunski war einer der ersten Ärzte, der nach der Aufnahme in seine Abteilung sofort die Diagnose stellte, welche wir im Verlaufe übrigens auch in Deutschland erhielten. Er sagte: „Das ist meine Kranke“.
Dort gibt es drei oder vier onkologische Abteilungen in diesem Moskauer Krankenhaus. Und er nahm uns sofort zu sich. Und die ganze Nacht lang gab es eine Reihe von Untersuchungen. Röntgen und alles so was. Und er schimpfte sehr mit uns: „Wohin haben Ihre Ärzte gesehen? Wie kann ein Kind in eine solche Verfassung und Zustand kommen? – kann man sie doch heilen.“
Ich kann sagen, an diesem Tag ist er bis kurz vor 11 Uhr nachts im Krankenhaus geblieben. Und Arewik begann man intensiv zu untersuchen.
Das Ergebnis der Untersuchung war: „Es ist ein Tumor – an der Wirbelsäule.“ Und dann fand eine Versammlung der Ärzte statt, welche beschlossen, dass eine Opperation notwendig ist.
Vor der Opperation warnten sie uns, dass im Ergebnis der Opperation negative Folgen entstehen könnten. „Es kann passieren, dass das Kind nicht laufen kann, weil der Tumor an diesem Platz lebenswichtige…
Artur: Rückenmark
Karine: Rückenmark einklemmen kann“ nun, wir gaben unsere Unterschrift, dass wir über alles informiert sind. Es gab keinen anderen Ausweg. Alexander Isaakitsch erklärte uns, dass eine Opperation unbedingt notwendig sei. Darauf hin wurde die Operation durchgeführt.
Sie sagten uns, dass die Ergebnisse der Operation alle gut wären, die anfänglichen. Das war irgendwann Ende Mai.
Artur: Am 27.
Karine: Ja. Und dann begann die intensive Chemotherapie. In dieser Zeit hat man die Analysen des Tumors nach Deutschland geschickt. Es verging etwas Zeit und aus Deutschland kam die Antwort, dass der Tumor laut Diagnose von Alexander Isaakitsch bestätigt wird. Das heißt, er gehört zu den leicht heilbaren.
Unsere Ärztin Natalija Warejewna freute sich mehr als wir, sagte: „Wissen Sie, er ist leicht zu heilen, da braucht man dem Kind nicht einmal etwas zu erzählen.“
Anfang Juli ging es Arewik plötzlich schlecht. Ihr versagten die Beine. Der Rücken begann heftig zu schmerzen. Man holte uns sofort zur Kernspinttomographie. Und es zeigte sich auf der Aufnahme, dass bei der Operation irgend etwas nicht richtig gemacht wurde und das Rückenmark anfing sich abzuklemmen und schnell eine weitere Operation nötig wurde.
Die Frage stand sogar zwischen Leben und Tod, sagen wir so. Und Alexander Isaakitsch sagte: „Ich tue alles was möglich ist, das Mädchen werden wir retten.“ Weil wir so am Boden zerstört waren und Angst hatten.
Er selbst wandte sich an dieses Moskauer Zentrum… die Brudenko-Klinik. Er fand Ärzte und überredete sie zu dieser Operation, er zeigte ihnen die Aufnahmen. Als die Ärzte die Aufnahmen sahen, waren sie erstaunt, dass das möglich war, dass… Kurz gesagt, es blieben uns zwei Tage, um es zu schaffen, „wir schaffen es.“
Sie waren einverstanden, die Operation für entsprechende Bezahlung zu machen – welche wir natürlich nicht sofort aufbringen konnten, aber mit der Hilfe von allen…
Wir versprachen, dass wir das Geld zusammenbringen würden. Alexander Isaakitsch trat sogar als Bürge auf, dass alles bezahlt wird, wenn alles so gemacht wird, wie nötig.
Die Operation dauerte sehr lange. Gegen 9.30 Uhr begannen sie und gegen 17 Uhr am Abend waren sie fertig. Ein Chirurg kam heraus und sagte, dass alles gut sein müßte. Das heißt, das Rückenmark funktioniert, aber es würde Zeit brauchen.
Nach der Operation wurde die Chemotherapie fortgesetzt. Und der Tumor von Arewik wurde geheilt. Dank der Ärzte dieser Abteilung, der Krankenschwestern und des medizinischen Personals. Sie wurden noch aufmerksamer zu Arewik.
Ich sage nicht, dass sie zu ihr besser waren, als zu den anderen Kindern, nur war es eine kritischere Situation für Arewik. Alles ist ja vor den Augen der Ärzte und Schwestern passiert.
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, wie ich ihnen danken soll. Das ist wenig, weil ich ihnen danken muss, dass sie jetzt noch lebt. Alles wurde wieder normal.
Irgendwann im November 1998, die letzte Chemotherapie war beendet. Die Ärzte sagten, dass alles, was nötig war, gemacht worden ist. Nur Geduld und Training wären noch nötig. Bis jetzt…

Arewik Mkrtschian im Krankenhaus.
Nach der Operation fuhren wir in gewissen Zeitabständen nach Moskau zur Überprüfung, zuerst alle drei Monaten, dann nach sechs Monaten, dann kam heraus, dass Arewik im Verlaufe der Chemotherapie durch die Bluttransfusionen an Hepatitis B erkrankt war.
Sie hat sich angesteckt, wie in Russland sich überhaupt ein hoher Prozentsatz an Kindern während der Chemotherapie damit ansteckt. So ist Arewik krank gewesen. Man hat sie wieder geheilt, diesmal von dieser Hepatitis B.
Im Jahre 2000 begann sie allmählig wieder zu laufen, ganz langsam… eine lange Zeit… nun, sie ist geduldig. Sie ist von Natur aus ein Optimist. Sie hat niemals aufgegeben. Sie hat immer geglaubt, dass sie gehen wird, dass alles gut wird, nur ist es ihr immer sehr schwer gefallen. Und dann im Juni waren wir in Moskau zur Kontrolle.
An einem Tag stellten sie fest, dass es wieder Probleme mit der Wirbelsäule gab, dass sich ein Wirbel von seinem Fleck wegbewegt und dass das sehr riskant ist und möglicherweise würde sich das gleiche Problem mit dem Rückenmark wiederholen, wie vorher.
Uns wurde gesagt, dass schnell eine weitere Operation nötig sei, dass es wahrscheinlich nicht die letzte sein wird. Wenn Arewik wächst, vielleicht nach zwei Jahren oder nach drei Jahren, würde man noch einmal diese Operation wiederholen muss. Ich weiß nicht, so schwer und so ernst war diese Operation…
Artur: Ja, und nach zwei, drei Jahren noch einmal…
Karine: Ja, damit wir es wüßten… dass wenn sie an der Wirbelsäule soetwas, solch eine Stabilisierung anbringen würden, so müßte man bereit dazu sein… dass es sein könnte, dass es nicht bei einer Operation bleiben würde…
Und sie boten uns an, diese Operation durchzuführen. Ehrlich gesagt, fürchteten wir, als sie das sagten, dass sie wieder solche Metallstützen einbauen würden.
Einer der Ärzte sagte uns sofort, dass er an unserer Stelle versuchen würde, die Operation im Ausland durchführen zu lassen, weil es dort irgendwelche Weichpräparate gäbe, die mit dem Wachstum des Kindes die Würbelsäle nicht krümmen und nicht deformieren. Dann bräuchte man nur eine Operation. Die Teile, welche man bei uns einsetzt, wären metallische. Diese krümmen die Wirbelsäule auf jeden Fall.
Warum sollte man noch einmal ein Risiko eingehen? Von Arturs Onkel ein Bekannter wohnt in Spanien. Bei dessen Kind gab es Probleme mit den Beinen. Der Onkel sagte: „Gut, laßt uns bei ihm dem Bekannten fragen… Sie haben diesen Jungen operiert und der Junge konnte danach wieder richtig gehen.“
Die Gespräche begannen und wir erfuhren, dass die Operation so um die 30 000 Dollar kosten würde. Aber wir würden in keinem Falle diese aufbringen können, weil wir schon unsere Wohnung verkauft hatten, wegen der Ausgaben, die wir zuvor hatten. Wir hatten einfach nicht solche Mittel…
Wir würden niemals so viel Geld für die Operation zusammenbringen können. Selbst wenn ich Schulden machen würde, würden Artur und ich das nicht schaffen.
Wir waren schon wieder in Noworossijsk, als wir diese Information erhielten, dass sie die Operation machen würden, aber zu solch einem Preis. Und wir haben Alexander Isaakitsch angerufen, um ihm zu sagen, dass es mit Spanien nichts werden würde, dass es dort so teuer wäre, ob er uns weiterhelfen kann.
Und er hat uns sofort gesagt, dass man die Operation machen müßte. Ich bin zu ihm gefahren, um mich zu beratschlagen, und ich sagte ihm, dass mir einer der Chirurgen aber gesagt hatte, dass man die Operation im Ausland durchführen sollte.
Alexander Isaakitsch sagte: „Das hat er Ihnen richtig gesagt. Man kann das Kind nicht weiter quälen. Es reicht.“ Er kannte ja die ganze Geschichte. „Suchen Sie einen anderen Ausweg im Ausland!“
Ja, und wir haben weiter gesucht… Alexander Isaakitsch machte irgendwo Urlaub. Ich hatte zwar seine Handynummer aber wir konnten ihn nicht immer erreichen. Aber dann erklärten wir ihm, dass es mit Spanien nichts Neues gab, dass wir ihn um Hilfe bitten. Wir waren in einer ausweglosen Situation. Und er sagte, dass wir uns zusammennehmen sollten, dass er uns helfen würde.
Karatschunskij, ja?
Karine: Karatschunski, Alexander Isaakewitsch, ja. Und sagte, dass er alles, was in seinen Kräften steht, versuchen würde, um uns zu helfen. Ja und… dann hat er uns irgendwann angerufen und sagte, dass… er mit Ihnen gesprochen hätte…
Ich weiß nicht… und was… Naja, dass es eine Chance geben würde… Dass Sie helfen würden… Dass man darauf hoffen kann, dass alles gut wird.
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