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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Sechs unbeschreibliche Tage in Moskau und Balaschicha.

Zu Besuch in russischen Kinderkrankenhäusern.

Reisebericht von Eberhard Radczuweit, November 2003.

Vom 1. bis 7. November 2003 waren Ludmila von Stackelberg und Eberhard Radczuweit in Moskau und Balaschicha zu Besuch in Kinderkrankenhäusern, deren Abteilungen für Onkologie und Hämatologie von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. unterstützt werden. Insgesamt konnten 11 300 Euro Spenden und in der Apotheke der Charité eingekaufte Hilfsmittel für 3160 Euro mitgenommen werden, um die Ärztinnen und Ärzte im Republiks-Kinderkrankenhaus gebeten hatten.

Reisenotiz im Flugzeug (Hinflug).

Seit zwölf Jahren sehe ich zwischen Berlin und Moskau die Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten. Nichts ist von oben erkennbar vom Wandel des Landes, der die Weltgeschichte in ein Davor und Danach teilt.

Ich denke zurück an die erste Begegnung in Russlands größter Klinik, dem Republiks-Kinderkrankenhaus (RDKB), wo die Not des Landes in den Gesichtern der Eltern krebskranker Kinder einen hoffnungslosen Ausdruck fand. Es war damals, als ein junger Moskauer Arzt seine Berliner Erfahrung von der Heilbarkeit leukämiekranker Kinder mit Leidenschaft und Zukunftshoffnung auf seine russischen Patienten übertrug. Heute können im Osten ebenso viele leukämiekranke Kinder geheilt werden wie im Westen.

Jener Arzt, dem dies mit zu verdanken ist, Professor Alexander Karatschunski, leitet heute von Münster aus eine Studiengruppe russischer und belorussischer Kolleginnen und Kollegen, die mit wachsendem Erfolg Kinder mit akuter Leukämie zu heilen verstehen.

Wir nähern uns jetzt Moskau, und die letzte Tagebuchnotiz vor der Landung gilt der Sorge um die mitgeführten medizinischen Hilfsmittel. Wird der Flughafen-Zoll uns ohne Beanstandung durchlassen? Ludmila von Stackelberg ist optimistisch in Bezug auf den kostbaren Inhalt der Koffer.

Was mag uns in den kommenden sechs Tagen erwarten? Anders als früher ist dies keine bange Frage, denn solch fachkundige Begleitung hatte ich nie zuvor: Ludmila war sieben Jahre lang Stationsärztin in der Onkologie/Hämatologie am Republiks-Kinderkrankenhaus.

Aus meinem Moskauer Tagebuch.

Alle Medikamente kamen ohne Probleme vom Flughafen gleich ins Ärztezimmer der Onkologie/Hämatologie im Republiks-Kinderkrankenhaus. Was mit Eisbeuteln verpackt war, wurde von der Laborleiterin Ludmila Baidun in den Kühlschrank gelegt. Der Oberarzt Dr. Dmitri Litwinow berichtete bei Tee und Kuchen über den Werdegang seiner vom Vorgänger Prof. Karatschunski übernommenen Abteilung.

Bild der Laborleiterin Ludmila Baidun

Dr. med. Ludmila Baidun, Laborleiterin und unsere langjährige Partnerin.
Alle Fotos auf dieser Seite: H. Bents.

Mit Humor werden die jüngsten Fehlleistungen der von uns gelieferten Klima/Luftfilteranlage illustriert. Mag im Ärztezimmer die wüstengleich trockene Luft bis zur nächsten Reparatur das Personal plagen – hier zählt das Wichtigste: seit der Installation des Geräts mit seinem verzweigten Röhrensystem ist kein Kind mehr an Pilzinfektionen erkrankt! Hygiene und eine weitgehend sterile Atmosphäre ist bei diesen Patienten lebenswichtig.

4000 Euro wandern von meinem Brustbeutel zum Stahlschrank. Ratenweise werden sie in den kommenden drei Monaten als Nothilfe für das Personal ausgezahlt. Mögen diese Spenden die Abwanderung fachkundiger Krankenschwestern zu besser bezahlten Arbeitsplätzen in Privatkliniken verhindern. Ohne sie wären alle Hilfeleistungen für die krebskranken Kinder umsonst.

Eine erfolgreiche Behandlung leukämiekranker Kinder ist ohne Laboruntersuchungen undenkbar. Deshalb unterstützen wir auch die Arbeit von Dr. med. Ludmila Baidun, Leiterin des Labors für Immundiagnostik von leukämischen Erkrankungen. Das Labor versorgt das Republik-Kinderkrankenhaus und dient darüber hinaus ca. 20 Zentren für Kinderheilkunde in Russland als Referenzlabor. Pro Jahr werden dort etwa 40 000 Blutbilder sowie über 2000 Knochenmark-Präparate angefertigt und beurteilt. Darüber hinaus werden über 200 Punktions-Präparate aus soliden Tumoren und Lymphknoten sowie über 2000 Präparate aus Liquor (Gehirnflüssigkeit) und andere biologische Flüssigkeiten untersucht.

Zur Zeit arbeiten im Labor elf Ärzte und acht medizinisch-technische Assistenten. Sie haben jedoch nur sechs Mikroskope zur Verfügung und müssen diese schichtweise benutzen. Es herrscht ein chronischer Mangel an Pipetten, Pipettenspitzen und Reagenzien. Ein wichtiges Gerät (Durchflusszytometer) stiftete der Gorbatschow-Fonds. Die Funktionalität des Geräts kann aber nur mit Hilfe des Partnerlabors im Berliner Rudolf-Virchow-Klinikum und KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. erhalten werden.

Die von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. mitgestaltete neue Abteilung für Onkologie und Hämatologie im Republiks-Kinderkrankenhaus arbeitet in offensichtlicher Harmonie zwischen Krankenschwestern, Ärztinnen – Dr. Litwinow ist Hahn im Korb –, und den stets präsenten Eltern der Patienten.

Auf einer Bank sitzt ein Junge mit seiner Mutter. Wir gehen vorbei, die Frau springt auf und umarmt Ludmila. Ich beobachte eine anrührende Szene zwischen den Dreien und lasse mich später aufklären: Ludmila von Stackelberg: „Tolja war 1992 einer der ersten Patienten hier, die wir nach dem Moskau-Berlin-Protokoll therapierten. Er war ein ‚Hoch-Risiko-Patient‘ mit akuter lymphoblastischer Leukämie, der fast ausschließlich ambulant behandelt wurde.“ Der damals Dreijährige ist heute ein gesunder Jugendlicher, der nur noch jährlich einmal zur Untersuchung herkommen muss. Ein zukunftsfrohes Beispiel für die langjährige Hilfe aus Deutschland.

Bevor wir eine „Box“, ein Krankenzimmer betreten, bittet Ludmila höflich um die Erlaubnis, für die Spenderinnen und Spender in Deutschland das Kind befragen und fotografieren zu dürfen. Oft ziehen wir uns ohne zu fragen leise zurück, wenn das Kind offenkundig leidet und auch der Mutter der Schmerz im Gesicht steht.

Wir besuchen das Morosow-Kinderkrankenhaus. Der diesjährigen 100-Jahr-Feier ist die Fassadenrenovierung aller Krankenhauspavillons zu verdanken. Einer davon war längst zuvor nicht nur äußerlich neu gestaltet: unsere Partnerstation für Onkologie und Hämatologie.

Andrej führt uns durch das Haus. Vorbei an den Märchenbildern meines Freundes Bernd Krüerke, die er einst für die krebskranken Kinder malte, ein Blick ins Labor, in die Blutbank, den Operationssaal, all das neue technische Gerät in den Sterilräumen bewundernd, erscheint es märchenhaft, was in zwölfjähriger Partnerschaft möglich wurde. Die „Hilfe zur Selbsthilfe“ist auch hier gelungen. Jetzt übernehmen Moskauer Sponsoren das, was wir früher bezahlten. Hier stellen wir keinen Koffer mit Medikamenten ab.

Einzig und allein die Nothilfe „Ärzte für Ärzte“ ist weiter erforderlich, denn das Personal ist auch hier total unterbezahlt. So zählen wir dem neuen Oberarzt Konstantin Kondratschik 4000 Euro für die nächsten drei Monate auf den Tisch.

Der Oberarzt Dr. Konstantin Kondratschik mit Patienten

Prof. Andrej Timakow, der vor etlichen Jahren bei uns in Berlin seine Doktorarbeit schrieb, hat die Leitung der Station abgegeben, bleibt aber deren wissenschaftlicher Berater. Sein Nachfolger Konstantin arbeitet schon seit 20 Jahren in der Morosowskaja. In der Festschrift zur Hundertjahrfeier heißt es über ihn: „Als Arzt höchste Qualifikationskategorie, Autor von 63 Publikationen …“ Für mich zählt mehr, was ihm ins Gesicht geschrieben ist: Großmut und Freundlichkeit.

In Balaschicha.

Kennen Sie Balaschicha? Jenseits von Moskau liegt diese Stadt. Für uns gibt es dort nur eine Sehenswürdigkeit: das Gebietskrankenhaus für eine Region von der Größe des Landes Brandenburg, die zu den dichtest besiedelten Gebieten Russlands zählt.

Das graue Gemäuer birgt eine Kostbarkeit, von der Alexander Karatschunski schon lange schwärmt und uns ans Herz legt. Natürlich ahnen Sie, worum es auch hier geht: ein Kinderkrebs-Zentrum.

Zuerst spricht mich auf Deutsch ein junger Mann in weißem Kittel an: „Herzlichen Dank für meine Zeit in Essen!“ Ja, ich erinnere mich an Konstantin Dobrenkow, damals Arzt bei Andrej Timakow, dem wir vor sieben Jahren für sechs Monate ein Praktikum an der Universitätsklinik Essen bezahlten. Nun arbeitet er mit Swetlana Warfolomejewa zusammen, die ebenfalls früher Stationsärztin bei Andrej Timakow war. Der Kreis schließt sich. Swetlana ist nun Oberärztin in Balaschicha. Die Krankenhausleiterin Dr. Rimma Sawkowa meinte, Swetlana habe hier „eine Revolution“ veranstaltet. Es ist die dritte „Revolution“ dieser Art. Der Funke sprang von Karatschunski auf Timakow und nun auf Swetlana über.

Das diensthabende Ärzte-Schwestern-Team in der Landesklinik Balaschicha (links die Oberärztin Dr. Swetlana Warfolomejewa, rechts Dr. Konstantin Dobrenkow)

Nun haben auch hier leukämiekranke Kinder die gleichen Chancen wie etwa in Deutschland. Die geistigen und ideellen Voraussetzungen dafür sind reichlich vorhanden. Professionalität, ein guter Teamgeist und soziale Verantwortung für die Familien der Patienten. Als wir vor zwölf Jahren im RDKB und danach in der Morosowskaja begannen, sah es dort genau so entsetzlich arm aus. Deshalb empfehlen wir jetzt den Spenderinnen und Spendern, ohne sich Hilferufen aus den Kinderkrebs-Stationen des RDKB und der Morosowskaja gänzlich zu verschließen, nunmehr auch Balaschicha zu helfen.

Die 12jährige Alana Kutisjowa aus Nordossietien

Reisenotiz im Flugzeug (Rückflug).

Auf dem Rückflug von Ost nach West war kein Fensterplatz frei. Ich füllte die letzte Seite meines Tagebuchs. Dagegen ließen sich auf vier Seiten dieses Rundbriefes unsere sechs Tage in russischen Kinderkrebs-Stationen nicht beschreiben. Wir waren keine Besucher, keine Gäste, sondern gehörten einer Gemeinschaft an, deren Mittelpunkt aus kleinen Patienten besteht. Um sie herum ist ein unbeschreiblich intensives Leben und Arbeiten. Wir teilen die Verantwortung für diese Kinder zusammen mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten.

Unser Part ist mehr als eine Nothilfe, vermittelt durch Spenden. Kurz nach unserer Rückkehr hat das Sascha verdeutlicht, ich meine Professor Dr. med. Alexander Karatschunski. Er gastierte kurz in Berlin zur Absprache mit seinem berühmten Kollegen von der Charité, Professor Günter Henze und unserem Vorstandsmitglied Dr. med. Arend von Stackelberg. Danach reiste er nach Moskau zur Vorbereitung der Konferenz aller russischen und belorussischen Kinderärzte, die sich jetzt wieder zur multizentrischen Studiengruppe „Moskau-Berlin-Protokoll“ versammeln. Ihm folgten dann die Konferenzteilnehmer Henze und Stackelberg. Diese von Jahr zu Jahr anwachsende Gruppe, die in Absprache miteinander jährlich schon 400 leukämiekranke Kinder nach dem MB-Protokoll behandelt, ist ein Meilenstein in der russischen Medizingeschichte.

Ich verbildliche unser Dazutun mit einem Stein, der ins Wasser geworfen, Kreise bildet. Sie weiten sich aus, reichen schon von Belarus bis ins ferne Wladiwostok. Henze meinte, dass die deutschen Krankenkassen viel Geld sparen würden, wenn auch in Deutschland leukämiekranke Kinder nach unserem MB-Protokoll mit seiner ambulanten Therapie behandelt würden, die weit geringere Nebenwirkungen erzeuge als das in Deutschland angewandte BFM-Protokoll.

Unser folgenschwerer Stein von damals war nur ein Report in der Frauenzeitschrift „Brigitte“, dem viele Spenden folgten. „Heutzutage interessiert sich kein Journal und kein Fernsehsender mehr für unsere Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland“, sagte ich Sascha, als ich ihm den letzten Rest vom Spendenkonto mit auf den Weg nach Moskau gab. Die weitere Zusammenarbeit der 30 russischen und belorussischen Kinderkrebs-Zentren hängt von uns ab, von Ihren Spenden.

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