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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Kinder-Krebszentren: Überleben durch Sponsoring und humanitäre Hilfe.

Weitere Spenden für ehemalige Zwangsarbeiter nötig.

Protokoll einer Moskaureise von Eberhard Radczuweit.

Sonntag, 26. Februar.

Ludmila von Stackelberg und ich hatten sehr viel Gepäck mitgenommen: Medizinische Bedarfsgüter für das von uns geförderte Therapieprogramm „Moskau-Berlin-Protokoll“ (MB-Protokoll).

Dr. med. Arend von Stackelberg und Ludmila von Stackelberg bereiten den Transport medizinischer Hilfsgüter vor.

Am Moskauer Flughafen wurden wir von einem Team des staatlichen Senders NTV empfangen, in den Bus gesetzt und während der Fahrt in die Moskauer City gefilmt und interviewt. Es hieß, Putin persönlich habe einen Dokumentarfilm über die Hilfe für leukämiekranke Kinder empfohlen.

Unserem Partner Prof. Dr. med. Alexander Isaakovitsch Karatschunsky, im folgenden „Sascha“ genannt, wurde ein Kuvert mit 17 134 Euro übergeben: für das Medikament „Medrol“, die laufenden Kosten des von ihm geleiteten MB-Therapieprogramms und die Nothilfe „Ärzte für Ärzte“.

Unser russischer Partner Prof. Dr. med. Alexander Karatschunski begutachtet bei der Ankunft in Moskau die Hilfsgüter.

Auch das wurde gefilmt und von mir kommentiert. Es ist nicht schlecht, wenn Russland erfährt, welches bürgerschaftliche Engagement den leukämiekranken Kindern in Russland hilft.

Montag, 27. Februar.

Mit Ludmila im RDKB (Republiks-Kinderkrankenhaus). Die mitgebrachten Hilfsgüter wurden in Saschas Büro gestapelt und aufgeteilt für mehrere teilnehmende Zentren: Die Broviak-Katheter nur für jene drei Zentren, in denen die Chirurgie imstande ist, sie den Kindern zu implantieren (RDKB, Morosov-Kinderklinik und das onkologische Zentrum in Jekaterinburg).

Die anderen Katheter (T Extension) werden in allen teilnehmenden Kinderkliniken benötigt. So viel hatten wir nicht dabei, eine Nachlieferung aus den im KOHTAKTbI-Domizil gelagerten Beständen ist nötig. In einer Büroecke waren Kartons mit „Medrol“ gestapelt, die kurz zuvor geliefert worden waren.

In nächster Zeit wird dieses Medikament an 38 onko-hämatologische Zentren in ganz Russland und Belarus geschickt. So viele Kliniken beteiligen sich mittlerweile an unserem Moskau-Berlin-Protokoll.

In der Station für Onkologie und Hämatologie befragten wir die Mütter der Patienten, die Ärztinnen und Ärzte. Der Chefarzt Dmitri Litvinov: „Ohne Sponsoring und humanitäre Hilfe könnten wir keine Kinder behandeln. Die Mütter der Patienten helfen uns zwar, indem sie mal Seife oder dergleichen für die Station kaufen, aber die wirklich teuren Sachen, Antibiotika und Zytostatika, die nur teilweise vom Staat bezahlt werden, müssen wir durch private Initiative besorgen.“

Ärztinen und Ärzte im Ärztezimmer

Im Ärztezimmer (links der Chefarzt Dmitrij Litvinov)
Fotos: Eberhard Radczuweit.

Wir besuchten Dr. Ludmila Bajdun in ihrem Labor. „Wir leben hier in einer wahnsinnigen Anspannung. Die Arbeit geht bis in die Nacht, oft ohne Wochenende.“ Die hier beschäftigten, hoch qualifizierten Laborärztinnen und Wissenschaftler überprüfen und bestätigen unter anderem alle Diagnosen für 400 MB-Patienten pro Jahr.

Ohne unsere Unterstützung aus der Nothilfe „Ärzte für Ärzte“ wäre das nicht machbar.

Abends brachte mich Sascha ins noble Haus der russischen Zeitung „Kommersant“. Über zwei Stunden lang wurde ich befragt. Zum Beispiel: „Wie kommt in Ihrem Kopf die Hilfe für leukämiekranke Kinder mit der Hilfe für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene zusammen?“

Mutter mit Sohn

Polina Iwanikowa aus Novosibirsk mit ihrem sieben Monate alten Sohn. Kolja leidet an akuter lymphoblastischer Leukämie.

Dienstag, 28. Februar.

Um 10 Uhr war ich im Haus der Russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ mit dem stellv. Vorsitzenden Herrn Truchatschov verabredet. Zuvor war die Auszahlung der ersten Tranche von 60 000 Euro an 200 ehemalige russische Kriegsgefangene letztendlich zu unserer Zufriedenheit erfolgt und wir hatten eine zweite Tranche von 120 000 Euro überwiesen.

Truchatschov berichtete, dass nur 25 Personen von der ersten Tranche die Spenden nicht abgeholt hatten. Jetzt wird in den einzelnen Regionen geprüft, ob diese Menschen verstorben sind oder woanders wohnen, etwa in einem Altersheim.

Am 6. März 2006 beginnt die Auszahlung der zweiten Tranche an 400 Empfangsberechtigte, die wir ausgewählt hatten. Die Auszahlungen müssen bis Anfang Juli 2006 abgeschlossen sein.

Wenn dann alle unterschriebenen Empfangsbestätigungen vorliegen, kann eine dritte Tranche überwiesen werden – vorausgesetzt, es werden noch Spenden auf unser Konto eingezahlt.

Nachmittags war ich zu Gast in unserer Partnerschule, der Schule der Selbstbestimmung. Die Projektförderung „Schüler helfen NS-Opfern“ ist beendet. Wie soll es weiter gehen?

Ich beriet mich mit drei Schülerinnen vom Projekt und der engagierten Lehrerin Oksana. Die Projektgruppe betreute 140 alte Leute, die in drei lokalen NS-Opferverbänden organisiert sind. Das wäre künftig zu viel für eine neue Projektgruppe, die bisherige löst sich auf mit dem Schulabschluss.

Nur jene sollten künftig betreut werden, die in unmittelbarer Schulnachbarschaft leben. Die alte Projektgruppe beschließt gegenwärtig ihre Arbeit mit dem Verfassen eines Buches.

Mein Vorschlag: KOHTAKTbI-Mitglieder kommen am 9. Mai 2006 zur Schule der Selbstbestimmung, feiern mit Schülern und den von ihnen betreuten ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein Fest. Das wäre ein Fanal für neue Projektschüler und die Fortsetzung dieser wichtigen Arbeit. Derweil müssen Anträge geschrieben werden, denn gänzlich ohne Finanzen wäre der Neuanfang allzu dornig.

Mittwoch, 1. März.

Der Tag begann wieder im RDKB, wo ich allein im Scheinwerferlicht sitzen musste. Meine Reisegefährtin Ludmila lag mit Fieber im Bett. Das NTV-Team filmte und interviewte mich illegal. Der Klinikdirektor Vaganov hatte den Fernsehleuten die Drehgenehmigung verweigert.

Gute Beziehungen zur „Ochrana“, dem Wachschutz der Klinik, ermöglichte dem Tross aus Beleuchter, Tontechniker, Producer, Regisseurin, Dolmetscher nebst allen Apparaturen den Zugang. Unauffällig war es nicht, was da an Scheinwerfern usw. in einem Hörsaal der Klinik installiert worden war.

Mit einem gewissen Vergnügen widmete ich mich der Fortsetzung des Interviews vom ersten Tage. Der Film soll 55 Minuten dauern, evtl. wird es noch eine Fortsetzung in der Berliner Charité geben. Denn dort sitzen Saschas ärztliche Partner, Prof. Günter Henze gab vor 15 Jahren den entscheidenden Impuls für das Therapieprogramm „Moskau-Berlin-Protokoll“.

Wilajewa Oogunachri sitzt auf dem Bett

Wilajewa Ogunachri aus Aschrabad (Turkmenistan) mit seiner Mutter. Aus allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion werden krebskranke Kinder in unsere Moskauer Partnerklinik gebracht.

Mitten im Gewühl der Kameras und Mikrophone tauchten neue Presseleute auf. Herr Michail Vaynshtayn von der Zeitschrift „Moskauer Veteran“ und seine Tochter Veronika, ebenfalls Journalistin.

Sie hatten ein anderes Thema im Sinn: unsere Kontakte zu ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. „Moskauer Veteran“ ist ein offizielles Organ der sowjetischen Kriegsveteranen. Bisher war es undenkbar, dass dort auch ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Gehör fanden. Stalins Verdikt, diese „Vaterlandsverräter“ gehörten in den Gulag, findet bis heute bei der älteren Generation Zuspruch.

Es war nicht schwer, den netten Herrn Vaynshteyn vom Gegenteil zu überzeugen. „Wir müssen eine Aufklärungskampagne starten“, meinte er. Und so wird demnächst erstmals diesen Menschen, die nicht nur Opfer des NS-Regimes waren, in einer russischen Veteranenzeitung Respekt und Anerkennung gezollt.

In der nächsten Ausgabe des „Moskauer Veteran“ soll das Interview mit mir, in der darauf folgenden einer der Briefe veröffentlicht werden, die wir täglich von vielen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen erhalten.

Der letzte Besuch galt einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe vom RDKB. Seit Oktober 2005 zahlen wir die Monatsmiete von 700 Euro. Jeweils drei Mütter wohnen dort mit ihren Kindern während der ambulanten Phase der Chemotherapie.

Zwei Mütter von Patienten aus unserer Partnerklinik in einer Wohnung, die von KONTAKTE-KOHTAKTbI für die ambulante Phase der Behandlung gemietet wurde.

Mit zwei von ihnen sprach ich. Sie kommen von weit her, keine von ihnen hätte ohne unsere Unterstützung eine andere Bleibe im teuren Moskau gefunden. Ihre Kinder hätten auch während der ambulanten Phase im RDKB liegen müssen. Somit werden Betten frei für weitere Patienten, die sonst nicht aufgenommen werden könnten. Das ist in der Regel ein Todesurteil. Leider haben wir nicht genügend Geld, um weitere Wohnungen anmieten zu können.

Donnerstag, 2. März.

Die intensiven Medienkontakte während unseres Moskauaufenthalts verdanken wir Sascha, der in Vorbereitung unseres Besuchs getrommelt und gepfiffen hatte. Ihm ist unsere Vereinsmentalität klar, wo es keinen Widerspruch gibt zwischen solch unterschiedlichen Zuwendungen für krebskranke Kinder und vergessene NS-Opfer.

Wir saßen vor meinem Rückflug noch lange zusammen.

Auf meine Frage öffnete er seinen Laptop, der die 15jährige Geschichte unserer Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Zahlen und statistischen Kurven speichert und rechnete zusammen: Von 1991 bis Ende Januar 2006 wurden von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. insgesamt 2395 leukämiekranke Kinder im Rahmen des „Moskau-Berlin-Protokolls“ unterstützt.

Alle krebskranken Kinder, denen außerhalb des MB-Protokolls geholfen wurde, sind leider statistisch nicht erfasst.

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